Die Malteser Medienprofis: Impressionen an einem Tag, an dem es nichts zu erleben gab.
Ich war an dem Tag in Valletta, als der Inselstaat der EU beitrat. Die Stadt wirkte wie ein überdimensionaler Wiener Rathausplatz: Essensständchen aus Mitgliedsländern, Europa-Musik aus Lautsprechern. Mich bestürzte die Herzlosigkeit der Feier: Niemand schien sich zu freuen oder zu begeistern. Allerdings protestierte auch niemand. Ich zählte mehrmals die gelben Sterne auf den schlappen EU-Fahnen durch – und kam auf völlig unterschiedliche Ergebnisse.
Die Straßen waren leer. Zweimal stürzten Kamerateams auf mich zu, ich wurde gefragt, ob ich den Beitritt denn nun begrüßte oder ablehnte. Ich antwortete, dass ich den Beitritt okay fand, dass ich aber kein Malteser sei. Die wenigen Einwohner Vallettas, allesamt Medienprofis, hatten sich nämlich dem Ansturm der internationalen Journalisten entzogen. Vermutlich hielten sie Siesta oder britischen Mittagsschlaf. Ich streunte durch die ausgestorbenen Straßen und grübelte nach, was zum Teufel ich über Malta schreiben konnte. Es gab absolut nichts zu erleben!
Endlich fand ich ein Internet-Café. Ich machte das, was man inzwischen ohne schlechtes Gewissen „recherchieren“ nennt. Ich gab diverse Begriffe in die Suchmaschine Google ein. Nach einer halben Stunde war ich bereit für eine Malta-Millionenshow und hatte zehn Merksätze notiert: 1) Valletta liegt südlicher als Tunis. 2) Die Johanniter sind eh die Malteser. 3) Die Kriegstracht der Johanniter war ein roter Mantel mit dem achtspitzigen Malteserkreuz, in Friedenszeiten trugen sie schwarze Mäntel. 4) Malta erhielt vom britischen König das „Georgskreuz“, weil es sich im 2. Weltkrieg bereitwillig 154 Tage lang bombardieren ließ. 5) Als „Malteser“ bezeichnet man auch eine Zwerghunderasse mit behaarten Hängeohren, außerdem heißt eine langhalsige Taubenrasse so. 6) Viele der 360 Kirchen Maltas haben zwei Uhren, eine mit richtiger Zeit und eine mit aufgemalten Zeigern, „um den Teufel irrezuleiten“. 7) In der Stadt Hal-Far steht die größte Playmobil-Fabrik der Welt. 8) Die „St. Pauls Shipwreck Church“ erinnert an den hiesigen Schiffbruch des Hl. Paulus im Jahr 60 und bewahrt einen seiner Armknochen auf. 9) Malta besteht aus Kalkstein, das Wasser versickert, deshalb fließen hier keine Flüsse. 10) Malta hat bisher als einziges Land die EU-Verfassung ratifiziert, in einem Parlament namens Il-Kamra tad-Deputati.
Am Abend starteten die Feierlichkeiten. Es gab ein Feuerwerk in den EU-Farben. Ich saß auf einem Felsblock und hielt ein Gratis-Fähnchen mit vielen Sternen in der Hand. Die Einheimischen trugen ebenfalls Fähnchen. Dias mit multiethnischen Kindergesichtern wurden auf die Burg projiziert. Die Leute winkten den Projektionen halbherzig zu. Kaum war das Spektakel vorüber, senkten sie die Köpfe und gingen heim. Ein paar Minuten später kam die städtische Müllabfuhr und reinigte die Straßen. Ein deutscher Journalist richtete eine Kamera auf mich: „Did you enjoy it?“ Ich nickte, aber ich brachte keinen Ton hervor. Hilflos lächelte ich.
Martin Amanshauser, Autor
„Alles klappt nie“, Roman,
Deuticke Verlag 2005.