Chinesische Brüste warten auf Vergrösserung: ein kleines Kulturtagebuch aus Boomtown.
Ich finde, Schanghai ist ein unglaublicher Ort – die Regierenden reißen gerade alles nieder, was klein ist, und schmeißen die alten Leute auf den Müll. Wo die Alten gewohnt haben, entstehen Mega-Hochhäuser, Ultra-Einkaufszentren. Als Schanghaier ist man gut beraten, viel zu verdienen, um den zehn Prozent anzugehören, die den Konsum auch konsumieren können. Diese Glücklichen haben Jobs, besitzen Eigenheime, schlendern mit Einkaufssäckchen durch die Wolkenkratzerviertel. Die Frauen möchten möglichst dünn und westlich aussehen. Flugzettel werben für Schönheitsoperationen. Die Chinesin soll sich Fett absaugen, sich strecken, die Schlitzaugen wegmachen lassen. Und viele chinesische Brüste wollen vergrößert werden!
Jugend mit ausreichend Kleingeld trifft sich im „RBT“. Die Fastfoodkette betreibt Lokale, deren Interieur und Essen glänzt wie die Mädchenhandtaschen in der Nanjing Lu. Chinapop tropft aus den Lautsprechern. Die jungen Leute sitzen Händchen haltend auf hellgrünen Sesseln und Hollywoodschaukeln und diskutieren Schulereignisse. Sie bestellen aromatisierten Tee (drei Euro) und gezuckertes „Club-Sandwich“ mit Mayo auf fahlen Salatblättern (fünf Euro). In der Nebenstraße bieten Garküchen eine Portion frisch gebratener Nudeln für ein Zehntel des Betrags an.
An solchen Orten versorgen sich die vier Millionen „Wanderarbeiter“, Immigranten aus dem Westen Chinas. Sie schlafen in Barackensiedlungen, auf provisorischen Stockbetten, haben keine Krankenversicherung und kaum Perspektiven. Von den Einheimischen werden sie als Provinzler verachtet. Doch sie halten die Maschinerie des Wirtschaftswunders unter dem Kommando chinesischer und internationaler Investoren – die kriminelle Arbeitsbedingungen im eigenen Betrieb nicht dulden, deren Investment aber erst durch besagte Verhältnisse profitabel wird – in Gang. Die Wanderarbeiter ziehen Wolkenkratzer nach oben und schaffen Bauschutt weg. Sie erhalten in Schanghai nur befristete Arbeitserlaubnis. Haben Probleme bei allem. Verdienen beinahe nichts, aber immer noch mehr als daheim. Finden keine Schule für ihre Kinder.
Macht nichts, Arbeitskräfte werden benö-
tigt. Die Stadtverwaltung gebiert laufend Ideen zur Modernisierung und setzt ihre Pläne reibungslos um. Zum Beispiel hat der Partei das Durcheinander der Aufschriften an Geschäftslokalen missfallen. Also werden in der ganzen Stadt die alten unreglementierten Blechschilder abgeschraubt und durch Einheitsschilder ersetzt.
Keine lästigen Grünen stimmen im Stadtrat dagegen, es gibt ja keine Opposition. In Schanghai ziehen nämlich alle an einem Strang. Die unhygienischen Garküchen sperren endlich zu, Fastfoodketten wie das RBT florieren. An die Überzuckerung wird man sich gewöhnen wie an die laschen Salatblätter. Nur hoffnungslos romantische Reaktionäre mucken manchmal auf, aber die sind amtsbekannt und vom Ausland bezahlt.Neues Buch!
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