54 Bahamas

(c) Martin Amanshauser
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Luxusprobleme: Wie kommt man mit intellektuellen Butlern und herzensguten Chauffeuren zurecht?

Auf Paradise Island steht das unglaubliche „Atlantis“: 2300 Zimmer, der größte Hotelkomplex der Karibik. Ein paar Straßen weiter, im „Ocean Club“, habe ich Luxusprobleme: Ich darf hier einige Tage verbringen. Hotelchef K. feiert seinen 70. Geburtstag mit Festdinner und Show von Patti LaBelle („Voulez-vous coucher avec moi“), live im Bahamas-TV.
Ich werde betreut wie ein Schneekönig und versuche, möglichst überschwänglich zu wirken. Wer sich in einem US-Satellitenstaat schwer tut mit Smalltalk, der gilt allzu rasch als magenkranker Grübler.

„Europäer blicken meist drein wie Sargträger“, erklärt mir eine PR-Lady, und plötzlich kann ich lachen.
„How did you like dinner?“, werde ich alle drei Minuten gefragt. „You enjoy the wine? Was the trip nice?“ Ich lege mir Antworten zurecht: „It‘s so gorgeous“ oder „It was most amazing!“ Die Leute nehmen mir erstaunlicherweise ab, dass ich so spreche, meine europäisch-monarchistische Gänsehaut merkt eh keiner.

Der „Ocean Club“ beschämt mich mit Zuteilung eines persönlichen „Butlers“. Er heißt Audrey, Aldrych oder so ähnlich. Er bringt mir regelmäßig Erdbeeren mit Schokoladecreme, und bei meiner Rückkehr hat er im Zimmer alles zum Besseren verändert. Leider faltet er auch meine schmutzigen Unterhosen in Kuvertform zusammen (deshalb „briefs“?) und mischt sie unter die frischen.

Dabei glättet (bügelt?) er sie, so dass ich, um auszusortieren, an jedem Einzelstück schnüffeln muss.
Ich bastle gerade aus irgendeinem Grund am Laptop an einer Liebesgeschichte, die in Libyens Wüste spielen soll. Meinen Libyen-Reiseführer verstecke ich wie einen Porno im Koffer, damit Audrey/Aldrych mich nicht für charakterlos hält. Am Nachmittag klopft er, serviert weitere Erdbeeren und fragt nach meinem Beruf. „Writer“ gefällt ihm: Audrey/Aldrych gesteht, dass er im bürgerlichen Leben (wenn er gerade nicht Butler ist) selbst Artikel für eine Nassauer Zeitung verfasst.

Inseltrip per Stretch-Limousine: Der weiß behandschuhte Chauffeur ist deutlich vornehmer als ich. Er steigt vorne ein, ich hinten – wir sind eine Weltrekorddistanz im Weitsprung voneinander entfernt – und ich sinke lässig, routiniert, in die Ledersitze vom Typ Ikea-Sofa „Klippan“. Davor ist genügend Platz, falls man es zu zweit am Boden tun will. Ich (alleine) kann dem proletarischen Impuls des Fotografierens nicht widerstehen: Stirnrunzeln des Chauffeurs im Rückspiegel.

Inseltrip, Limousine, Dinner, Limousine. Chauffeur: „How was your evening?“” Ich: „Most amazing!“ Er, herzenswarm: „At home you can kick your shoes off, man!“ Ich, überfordert: „Well, yes!“ Er, zärtlich: „Soon you be sound asleep, man!“ Ich, entkräftet: „Oh yes!“ Kaum bin ich aus der Limousine, zischt mir ein Rezeptionist ins Ohr: „Enjoyed evening?“
Zurück im Zimmer: alle Unterhosen in Reih und Glied. Ich könnte schwören, den Libyen-Führer im Koffer verstaut zu haben, jetzt liegt er auf dem Nachtkästchen. Martin Amanshauser, „Logbuch Welt“, 52 Reiseziele, Bestell-Info: 01/51414-555.


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