59 Kuba

(c) Martin Amanshauser
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Nachhaltige Fidelisierung: „Aló Presidente“, venezolanische Propaganda in Havanna.

Insgeheim hatte ich gehofft, Fidel Castro würde während meines Aufenthalts sterben, nicht, weil ich ihm den Tod vergönnte, sondern nur, weil ich einfach gern bei Ereignissen dabei bin. Doch Castro überlebte meine Kubawoche ohne Probleme. Auf dem Hinflug per „Iberia“ hatte ich bereits mein revolutionäres Initialerlebnis. Am Bildschirm wurde ein „Programa de Fidelización“ angepriesen! Kubanische Propaganda an Bord? Nur langsam begriff ich, das Insert warb nur für das Frequent-Flyer-Programm, unter „Fideliza-
ción“ verstanden sie einen Treue-Bonus.
Vom Flughafen fuhr ich mit dem Mietwagen zum Hotel. Ein Polizeiauto winkte mich an den Fahrbahnrand, selbst fuhr es aber weiter. Ein paar Sekunden später raste ein Politiker-Konvoi an mir vorbei, eine Schlange von Ladas und Mercedes verschwand in der Nacht.
Im Hotel blieb ich bei „Aló Presidente“ hängen, jene stundenlange Talkshow im venezolanischen TV, mit der Diktator Hugo Chávez sein Volk unterhält. Erstaunlicherweise sendeten sie gerade ein Gespräch von Chávez mit Fidel Castro. Castro, am Krankenbett, trug einen seiner mittlerweile berühmt gewordenen Trainingsanzüge, Chávez saß in orangefarbener KFZ-Mechaniker-Montur daneben: zwei Generationen von Revolutionären.

Der echte Revolutionär erweckt einen leicht dementen Eindruck, der falsche Revolutionär redet auf ihn ein. Chávez doziert um sein Leben, er scheint zu befürchten, dass sein Gegenüber, todkrank und fast schon wieder ein Kind, Entlarvendes oder Peinliches sagt. Chávez verbiegt sich in einem rhetorischen Kotau, der ihn als Erben der wahren Revolution legitimieren soll: ein beflissener und zugleich maßlos pathetischer Priester.

Sie sagen, ich sei der Teufel, ein Teufelchen, denn du, Fidel, du bist ja der große, alte Teufel!“, meint Chávez mit selbstzufriedenem Lächeln, doch darauf steigt Fidel Castro nicht ein, der Alte ist für keinen modernen „Talk“ zu haben, er murmelt einen seiner didaktischen, vertrackten Sätze. Chávez gestikuliert, talkt die Internationale des Bolivarismus rauf und runter, plaudert aus dem Politiker-Nähkästchen, „hablé con un amigo, Lula da Silva, y dije a Lula – ¡ó Lula! – ¡tu no puedes ...!“, und so weiter bis in alle Ewigkeit, Fidel Castro wirft verzweifelte Altersheimblicke in die Kamera, driftet in fremde Welten ab.
Als Chávez sich in Ché Guevaras Tradition (sie feiern 40 Jahre Auferstehung) „zwei, drei, viele Vietnams“ wünscht, und „die pueblos“ aufwecken will, wacht stattdessen Castro auf, holt tief Luft, und beginnt mit etwas Langem, maßlos Kompliziertem. Und plötzlich predigt nur mehr Castro, eindringlicher als Chávez, echter, witziger, der bärtige Opa ist jetzt in seinem Element und wirkt überhaupt nicht mehr senil.
Während Castro nie mehr aufhört zu sprechen, und Chávez schwitzt und mit verkniffenem Gesicht zuhören muss, schalte ich auf einen lokalen Sender und erfahre, welcher Konvoi vorhin an mir vorbeigefahren ist: Hugo Chávez ist auf Staatsbesuch in Kuba.


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