61 Portugal

MARTIN AMANSHAUSER
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Am Elevador da Bica, in Lissabons Partyzone, betreibt Sabine Pawlik den Salon WIP.

Mitte der Neunzigerjahre ging ich kaum mehr zum Friseur. Meine Haare schwanden dahin. Also kaufte ich eine Schneidmaschine und rasierte alles weg. Damals war das mutig. 1995 wies eine Glatze auf Chemotherapie oder Rechtsextremismus hin, nicht auf Modebedürfnisse. Ein knappes Jahr später eroberte der Glatzentrend auch den Mainstream.
Zum Glück lernte ich die Vorarlbergerin Sabine Pawlik kennen. Sie hatte in Wien an Orten wie dem „Fortschnitt“ gearbeitet, hatte Toni Polsters Haarpracht geschnitten („netter Kerl, aber konservativ“), ihre Friseur-Kenntnisse in London perfektioniert und lebte jetzt in Lissabon, fernab jedes Glatzentrends. Sabine arbeitete im „WIP“, einem In-Salon am Seitenhang des Bairro Alto, den sie inzwischen selbst führt.

Das WIP war der erste beeindruckende Friseur meines Lebens – mehr Kulturzentrum als Salon, an dem alle zehn Minuten der Elevador da Bica vorbeirattert, eine gelbe Straßenbahn am Steilhang zwischen Bairro Alto und dem Rotlichtviertel am Cais do Sodré. Vor Portugalreisen setzte ich meine Haarschneidmaschine oft außer Betrieb, um im idealen „bad hair moment“ unter Sabines Augen zu treten, was sie entsetzte (Ästhetik), aber auch erfreute (Gestaltungsmöglichkeit).

Im Bereich des Friseurwissens stieg ich, wie mir schien, mit dieser Bekanntschaft zu den Mächtigen auf, nun weiß ich, gute Friseure schneiden Haare so, „dass sie natürlich fallen“, wie Sabine erzählt: „Mit einer Rundbürste kann man aus jeder komischen Frisur kurzfristig was halbwegs Brauchbares machen, deshalb herrscht bei uns Rundbürstenverbot.“ Sabine mag keine Kunden, die mit Zeitungsausschnitten von Stars antanzen, „das funktioniert nie, ich muss doch auf den Typ eingehen. Ich erkenne, was die Leute brauchen, oft wissen sie es ja selbst nicht so genau.“ Der Grad des Eingriffs hänge von der Experimentierfreudigkeit ab: „Man muss ja nicht beim ersten Schnitt Revolutionen machen!“

Ich besuche meinen Stammfriseur – klingt gut: in Lissabon, und die Distanz zu ihm beruhigt – alle ein bis zwei Jahre. Sabine wird immer besser. Mittlerweile kommen Leute von überall auf der Welt zu ihr – vorwiegend mit deutlich mehr Haaren als ich. Zwischendurch trat sie als Haarstylistin im portugiesischen TV auf, und nach dem großen Relaunch bin ich gespannt auf ihr „neues“ WIP am Rande des Bairro Alto.

Aber natürlich habe ich auch Angst vor Sabine. Einmal sagte sie, ihrer Einschätzung nach sei ich „eher der verspielte Typ“. NEIN!, dachte ich, bin ich NICHT! Doch ich wagte nicht zu widersprechen – und nickte. Der Schnitt sah super aus. Nur das weiß gefärbte Strähnchen an der linken Augenbraue, das hätte nicht sein müssen! In den nächsten Wochen wurde mir bei jedem Blick in den Spiegel klarer, dass ich wirklich nicht „der verspielte“, sondern eher „der reaktionäre Typ“ bin. Ich werde meinen Mut zusammennehmen, um Sabine das demnächst zu sagen. Martin Amanshauser, „Logbuch Welt“, 52 Reiseziele, Bestell- Info - Fax: 01/51414-277.


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