Ronald Grimm lebt seinen Pensionsschock. Mit Kaiser-Bier, einer suggestiven Stimme, vielen Wahrheiten.
Im Regenwald Paranás erzählen viele von vielem: ein Alter von der Mannequinkarriere seiner Mutter in den 50ern in Kanada; eine Betrunkene von ihrem Bruder, der letzte Woche vom Puma angefallen wurde – Geschichten, die viel Zeit haben, in der heißen, feuchten Gegend zu wuchern und sich auszubreiten.
Ronald Grimm, vor einem Kaiser-Bier in einer Bar in Candonga, 300-Einwohner-Dorf ohne Asphaltstraße, erzählt seine eigene Geschichte. Mit den tränigen Augen wirkt er ein wenig wie ein gescheiterter Bruder Klaus Kinskis. Lebte neun Jahre in den USA, wurde dort Hubschrauberpilot, war es später auch in Brasilien. Nun ist er pensioniert. „Pension ist wie ein Schnitt mit einer Schere durch dein Leben. Du gibst auf, was du kannst. Plötzlich suchst du nach Tätigkeiten.“ Wonach? „Alles. Die Mädchen, das Bier. Nur Idioten denken, dass es ewig weitergeht. Das Leben wird zu einer großen, bedrohlichen Freiheit, in der zuletzt immer weniger funktioniert.“
Ronald spricht klar akzentuiertes Portugiesisch, anders als die Einheimischen, die ihm aufmerksam lauschen. Er wohnt in Ponta Grossa, 125 Kilometer entfernt. Warum er heute hier ist? „Keine Ahnung. Ich bin vor 15 Tagen gekommen, bleibe noch 15 Tage. Glauben Sie an Schicksal? Vielleicht hat es einen tieferen Sinn, wenn wir beide uns treffen?“ Dagegen gibt es wenig einzuwenden. „Sie heißen Martschin? Einer Ihres Vornamens, Martschin Luther King, sagte einen großen Satz: Mich interessiert nicht das Geplapper von vielen, sondern das Schweigen von einigen wenigen.“
Ronalds Großmutter war Österreicherin, Sonny von Krause Grimm, eine stolze, unnahbare Frau, die nie Portugiesisch lernte. Vor vier Jahren starb sie im Alter von 104. „Bis zuletzt hing in ihrem Wohnzimmer ein Bild von Adolf Hitler. Das war ihre Religion.“ Mit ihrem Sohn – Ronalds Vater – sprach die Großmutter Deutsch. „Ich lernte nie ein Wort. Deutsch war nach dem Krieg gefährlich. Vater brachte es mir nie bei. Er starb mit 38: Mundhöhlenkrebs.“
Mit der Großmutter entzweite sich Ronald: ihre starke Reaktion, nachdem sie merkte, dass der Junge sich mit schwarzen Mädchen abgab. „Das war das Schlimmste für sie. Umgekehrt auch für mich. Ich kann nichts anfangen mit alten, bornierten Menschen. Ich wollte nichts mehr von ihr wissen.“ So erfuhr er auch wenig von seinem Großvater, Herrn Otto Eduard von Krause Grimm, „ebenfalls überzeugter Nazista. Er wurde umgebracht. Ehrlich gesagt, wen interessiert das noch. Hitler mag ein großer, intelligenter Mann gewesen sein – doch er schlug den falschen Weg ein.“
Ronald nimmt einen gierigen Schluck Bier, denn er will – räumt er ein – noch etwas sagen, bevor er zu müde ist: „Wichtig ist mir, dass ihr dort nicht den Eindruck habt, dass Brasilien ein Land der Dritten Welt ist. Brasilien mag ein niedriges Bruttosozialprodukt haben, doch in kultureller Hinsicht sind wir mindestens so weit wie Europa.“
Martin Amanshauser, „Logbuch Welt“, 52 Reiseziele,
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