Die Südafrikanerin Natalie du Toit schrieb beim 10-km-Bewerb in Peking Geschichte. Sie ist die erste Beinamputierte bei Olympia – und belegte den 16. Platz.
PEKING. Es gibt Geschichten, die schreibt nur der Sport. Vor allem bei Großereignissen rücken Menschen und deren Schicksale mitunter auch deshalb in den Vordergrund, weil sie vollkommen konträr sind zum gewohnten Ablauf. Schnell schreckt so mancher zurück, wenn er es mit geistig oder körperlich behinderten Menschen zu tun hat. Es ist offensichtlich weiterhin ein Tabu der Gesellschaft, denn warum sonst achtete bislang das International Olympische Komitee tunlichst darauf, Olympia und Paralympics nicht mit einander zu vermischen und immer schön brav nacheinander abzuhalten? Bei den 29. Sommerspielen in Peking aber kam es zu diesem „überschneidenden“ Ereignis: Mit der Südafrikanerin Natalie du Toit startete erstmals eine Beinamputierte Sportlerin, und obwohl die 24-Jährige über die erstmals olympische 10-km-Schwimmdistanz keine Medaille gewann, standen sie und ihr Schicksal im Mittelpunkt.
„Die Tragödie des Lebens ist es nicht, seine Ziele nicht zu erreichen“, sagt sie stolz nach dem sie als 16. aus dem Wasser geklettert ist, „die Tragödie wäre es, es nicht probiert zu haben.“ Die junge Dame aus Kapstadt lächelt, sie hat ihr Schicksal akzeptiert und die Bewunderung aller sicher. „Danke. Es wäre doch eine Schande, wenn wir alle keine Sterne hätten, nach denen wir greifen können, oder?“
Der Unterschied zu Pistorius
1904 nahm der US-Gymnasiast George Eyser an den Spielen teil und gewann sechs Medaillen, davon drei aus Gold. Sein Holzbein störte weder ihn noch seine Gegner. Du Toit aber schwimmt ohne Prothese, das linke abgetrennte Bein benötigt im Wasser keine „Hilfe“. Das ist der Unterschied zu ihrem Landsmann, dem Läufer Oscar Pistorius, der verzweifelt um seinen Peking-Start gekämpft hatte und sogar vor Gericht ziehen musste, um für Limit-Versuche – er scheiterte an den geforderten Zeiten – zugelassen zu werden.
Natalie Du Toit besticht im Gespräch durch ihren starken Charakter. Sie hat klare Vorstellungen und weiß, wie viele Menschen reagieren. Dabei sei sie doch unschuldig gewesen, als sie 2001 in einem Unfall mit einem Motorroller ihr Bein verloren hatte. „Die Ärzte hatten eine Woche lang versucht, das Bein zu retten“, erzählt sie, und man bemerkt, dass sich ihre Tränensäcke langsam füllen. „Es tut mir leid, sorry. Das ist wohl das erste Mal, dass ich wirklich so offen weinen kann. Aber hier dabei gewesen zu sein, bedeutet mir alles. Wirklich alles.“
Ein Lächeln statt der Tränen
Als ein Kollege aus ihrem Team kam und die Prothese überreichte, damit sie dabei sein kann, wenn Erinnerungsfotos geschossen werden, waren die Tränen wieder im Nu vertrocknet. Sie lachte und freute sich ihres Lebens.
Wie aber schafft sie es, mit der Konkurrenz mitzuhalten? Gibt es da zusätzliche Kräfte, die tatsächlich frei werden bei Olympia? Ist es der von alteingesessenen Insidern beschwörte Mythos der fünf Ringe? Da winkt Du Toit ab. Sie habe Spaß am Sport, und dahinter stecke wie bei jedem anderen „harte Arbeit“. Sie müsse trainieren, täglich, stundenlang. In der Wissenschaft wird dieses Phänomen als „Eskapismus“ deklariert, es ist die Flucht vor dem Alltag, der aber zugleich auch den Ausweg in eine bessere Zukunft mit sich bringen kann. „Du gehst einfach raus, gibst alles, was du hast, und da denke ich nicht mehr an zwei Beine. Da willst du einfach nur Mensch sein und dein Bestes geben.“ Im Wasser fühle sich die 1,75 Meter große junge Frau wohl. Sie sagt „equal“ und meint damit „gleichwertig“. Da gebe es keinen Unterschied zwischen behindert, normal oder verrückt, „dort ist nichts mehr falsch mit mir“.
Für die Südafrikanerin erfüllte sich mit dem Schwimm-Marathon, den hunderte Fans neben dem Feld die komplette Strecke lang verfolgten, ein lang gehegter Traum. Die 1:22,2 Minuten, die sie hinter Siegerin Larisa Ilchenko (Rus) ins Ziel kam, störten sie nicht. Platz 16 ist ein sensationelles Ergebnis. Und: Acht Schwimmerinnen mit zwei Beinen waren langsamer als sie.
Bei Paralympics erfolgreich
Schon mit 16 Jahren hätte sie fast die Qualifikation für Sydney geschafft, doch der Unfall stieß sie schlagartig in ein anderes, „in mein neues Leben“, wie sie zugibt. 2004 probierte sie die Qualifikation für Athen, verpasste das Limit aber und schwamm dafür bei den Paralympics in der S9-Wertung. Ihre Bilanz kann sich sehen lassen: fünfmal Gold, einmal Silber. Doch das ist Vergangenheit, das zählt für sie nur in den Erinnerungen. Die Gegenwart ist das Interessante, ihr geht es um das Jetzt und das, was morgen kommt. Auch wenn Natalie du Toit in Peking 2008 keine Medaille gewonnen hat, ist sie trotzdem eine Siegerin. Und um einen Haufen Bewunderer reicher.
ZUR PERSON
■Natalie du Toit (*29.Januar 1984 in Kapstadt) nahm bereits mit 14 Jahren an den Common- wealth Games 1998 in Kuala Lumpur teil. Im Februar 2001 verlor sie nach einem Unfall ihr linkes Bein. Wenige Monate später begann sie wieder mit dem Schwimmen – trotz der Amputation ohne Prothese.
■Im Rahmen der Commonwealth Games 2002 und 2006 siegte sie in zwei Bewerben für behinderte Sportler. Bei den Paralympics 2004 in Sydney gewann sie fünf Goldmedaillen und eine Silbermedaille.
■Die Südafrikanerin ist die erste Athletin mit einer Amputation, die sich für Olympia qualifiziert hat. Sie wurde bei der Premiere des 10-km-Schwimmens 16. [AP]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2008)