Die Entschleunigung teilt das „schl“ mit Wörtern wie schlampig, schludrig, schläfrig, schleichen, schlicht und schlecht, das mag dazu beigetragen haben, dass sie ein gewisses Imagedefizit hat. A
llerdings hat die Beschleunigung dieselbe Lautfolge in sich, und die ist ja ziemlich beliebt, vor allem bei jungen Herren, die potenzielle Partnerinnen dadurch abschrecken, dass sie mit ihnen am Beifahrersitz so lange sinnlos durch die Straßen rasen, bis ihnen alles vergangen ist. Das nennt der Biologe negative sexuelle Selektion, und das finde ich schon okay.
Tragisch wird es, wenn ein Laternenpfahl oder ein Baum dazwischenkommt, dann würden nur sehr zynische Darwinisten von negativer natürlicher Selektion sprechen. Die direkte Todesursache ist hier paradoxerweise nicht die Beschleunigung, sondern die Entschleunigung, das jähe Abbremsen durch das Hindernis.
Zwischenruf an allzu salbungsvolle Prediger des „Innehaltens“: Die konsequente Entschleunigung ist Depression oder Lähmung, die totale Entschleunigung ist der Tod. In diesem Sinn riefen die frühen Punks, wenn eine Band das Tempo zu drosseln wagte: „Schneller, Alter! Rasten gibt's am Friedhof!“ (Der verwandte Slogan „Rust never sleeps“ war vor allem in Absturzlokalen am Rande des Neusiedler Sees verbreitet.)
Das hat meine Generation geprägt, und darum brüllen die kleinsten Köpfe, die sie hervorgebracht hat, im Supermarkt: „Zweite Kassa aufmachen!“, statt gelassen in der Schlange zu stehen und sich der Meditation über Ware und Wahrheit zu widmen. Sie brüllen das im Chor mit feinen Damen im Ruhestand, die selbst längst weitgehend entschleunigt sind, es aber gar nicht leiden können, wenn das arbeitende Volk Pause macht, da könnte es ja auf dumme Ideen kommen.
Entschleunigung ist ein Privileg, man muss sie sich leisten können. Für Akkordarbeiter oder Olympioniken ist der Ruf nach Entschleunigung ein Hohn, in radikal flexibilisierten Büros gilt das Wort Mittagspause schon als unanständig.
Apropos Mittagspause: Es war ein später Mittag in den mittleren Achtzigern, als ich als Ferialpraktikant der Chemie Linz – wo ich angegeben hatte, ich verstünde etwas von Computern, um mich vor direktem Kontakt mit der Materie zu drücken – auf der Suche nach Rat in digitalen Angelegenheiten an die einzige Autorität im Hause verwiesen wurde. Sie wurde von einer Sekretärin streng bewacht, die nur zögernd die Tür öffnete. Im kahlen Zimmer saß der Fachmann, das Kinn des kahlen und völlig ovalen Kopfes auf dem Schreibtisch ruhend, die ebenso ovalen Brillengläser daneben, die offenen Augen auf unendlich fokussiert. „Psst!“, flüsterte die Sekretärin ehrfürchtig: „Er programmiert.“
Damals liefen die Computer noch mit Kiloflops, nicht Teraflops. Wenn sie nicht auf Mittagspause waren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2008)