Usain Bolt: Eine Zeit für die Ewigkeit

(c) AP (Kim Kyung-Hoon)
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Usain Bolt ist auch über 200 Meter nicht zu stoppen, siegte in 19,30 Sekunden. Er brach Michael Johnsons Weltrekord und wandelt auf Fußspuren, die bei Olympia nur Carl Lewis 1984 hinterlassen hat.

Läuft er durch oder „stellt“ er wieder zwanzig Meter vor der Ziellinie ab? Doch über die 200 Meter, die der Jamaikaner Usain Bolt als seine Lieblingsstrecke nennt, gönnte er sich während des Rennens diesmal keine „Show-Einlagen“. Er machte vom Start weg Tempo, im Eingang zur Kurve lag er schon vorne und als er auf die Zielgerade einbog, hallte bereits durch das Vogelnest-Stadion mit jedem seiner großen, kraftvollen Schritte ein Raunen. Je näher er dem Finish kam, desto lauter wurde der Aufschrei. Man sah, dass er es diesmal wirklich wissen wollte, der „Überläufer“ gab alles. Als Bolt über die Linie lief, verstand man sogar sein eigenes Wort unter 91.000 Zuschauern nicht mehr. Das war vielleicht auch besser angesichts so mancher Kraftausdrücke, die allerdings für Bewunderung stehen sollten.

Nicht ohne Reggae-Tänzchen


Der 100-m-Sieger pulverisierte auch über 200 Meter den Weltrekord, er gewann in sagenhaften 19,30 Sekunden und blieb damit 0,02 Sekunden unter der seit Atlanta 1996 von Lauflegende Michael Johnson aufgestellten Bestmarke. Wer es nicht glauben wollte, dem blieb nur der Blick auf die hell leuchtende Anzeigetafel: New World Record, 19,30 seconds stand. Irrtum ausgeschlossen.
Während Bolt seine Goldschuhe auszog und auf seiner Ehrenrunde Reggae-Tänzchen absolvierte, musste ihm auch bewusst geworden sein, dass er endgültig Olympia-Geschichte geschrieben hatte. Er begann zu lachen, ließ sich feiern und genoss den Rummel ausgelassen mit Fotos, Küssen und Umarmungen. Zu Recht, denn jetzt ist er der erste Sprinter, der das Double bei Olympia schaffte. Zuvor war das nur einem einzigen, und zwar dem besten Sprinter aller Zeiten gelungen: Carl Lewis – 1984 in Los Angeles. Bolt: „Ich wollte unbedingt durchlaufen, ich wollte dieses Gold wie kein anderes. Ich musste dabei aber auch Johnsons Rekord brechen. Es ist unglaublich!“
Doch damit sind die „Bolt-Festspiele“ noch lange nicht beendet. Es gilt als gewiss, dass er nun auch in der Jamaika-Staffel das Kommando übernehmen und zu Gold steuern wird. Dass damit die Doping-Gerüchte und wilden Spekulationen (Stichwort: Herz-Doping) kein Ende nehmen, ist Usain Bolt vollkommen egal. Er wurde zigmal getestet, nie wurde etwas beanstandet, sagt er. „Ich bin clean.“


Dass es Bolt schaffen kann, der erste Double-Sieger nach Carl Lewis zu werden, wusste Michael Johnson schon lange. Dass der Jamaikaner aber in Peking seinen Weltrekord auch noch unterbieten würde, überraschte selbst ihn, den doch etwas als eitel verschrienen, heute als Manager arbeitenden US-Helden. „Er läuft so unheimlich gut“, schwärmte der 200- und 400-m-Star vergangener Tage dennoch, „er hat die Möglichkeit, das zu erreichen, was nur sehr wenige vor ihm geschafft haben. Vor allem hat er seine Unerfahrenheit durch seinen Speed ausgeglichen.“ Mit anderen Worten: Bolt ist sich, allen Verfolgern, Neidern, Kritikern und Nörgerln einfach auf und davon gelaufen. Weit und breit scheint niemand in Sicht, der ihn, den sie in seiner Heimat nicht umsonst „Blitz“ rufen, stoppen kann. Jamaika war es nur recht, die China-Party geht weiter.

„Das kann gar nicht wahr sein“


Speed, das sei das Stichwort, das es beim Jamaikaner zu beachten gilt. Seine Körpergröße (1,96 m) ließe zwar vorschnell darauf schließen, dass er unbeweglich sei, sagt auch Johnson, doch das Gegenteil tritt nach der Startphase ein. Seine langen Schritte harmonieren mit dem Tempo und lassen Kontrahenten aussehen wie plumpe Anfänger. Diesen vermeintlichen Vorteil demonstrierte Bolt auch bereits über 100 Meter. „Dieses Rennen werde ich nie in meinem Leben vergessen, es war wirklich unglaublich“, sagte Johnson bei der BBC-Übertragung. „Das konnte doch alles gar nicht wahr sein.“

Zweifler und Kritiker


Nicht nur Johnson hat dieses Rennen nicht vergessen, auch alle Teilnehmer zürnen noch Bolt für dessen Gesten und Kommentare. Ganz deutlich auf den Punkt bringt es dabei der Deutsche Tobias Unger. Er war im Zwischenlauf ausgeschieden, und wenngleich er kein „schlechter Verlierer“ sein wolle, fühlte er sich einfach nur vollkommen „verarscht“.

Bolt habe sich nicht einmal richtig „warmgelaufen“, wird der 29-jährige Schwabe in „Sport Bild“ zitiert. „Der kam in Badehose und Joggingschuhen, hat eine Steigerung und einen Start gemacht, sich seine Spikes-Schuhe angezogen und ist dann die Distanz gejoggt!“ Laut Unger gehe es nicht mit rechten Dingen zu. Im Mai noch ist Bolt 9,80 Sekunden gelaufen, er zeigte derzeit auch nicht einen Funken Müdigkeit oder andere menschliche Schwächen. Auf Jamaika müsse daher etwas nicht stimmen, Ungar: „Die springen auf ihrer Insel rum, wie sie wollen, denen passiert gar nichts. Ich muss mich allein hier bei Olympia an- und abmelden, für den Fall, dass wir eine Dopingkontrolle haben.“ Dagegen wüsste Bolt nicht einmal, wie man das Kontrollformular ausfülle.


Das Aufsehen um die Person Usain Bolt beginnt in Peking bereits Dimensionen eines Box-Schwergewichtskampfes anzunehmen. Die Tonlage wird angesichts seiner Übermacht härter. Es konnte also nur purer Zufall sein, dass just Don King in der Stadt weilte und einen PR-Termin abhielt, um den Faustkampf in China weiter voranzutreiben und Kämpfer zu rekrutieren. Aber wer will mit Usain Bolt schon in den Ring steigen? Die Chance, dass man ihn derzeit einfängt und in eine Ecke zum direkten Schlagabtausch stellen kann, ist nicht vorhanden. Einzig bei seiner Ehrenrunde können ihm alle anderen Läufer das Wasser reichen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Das Laufen im Blut


Er selbst findet keine Antworten auf die vielen Fragen, die auf ihn niederprasseln und sich hauptsächlich um die Gründe seines Senkrechtstarts in diesem Jahr drehen. Bolt sagt, er habe das „Laufen im Blut“, dem konnte jeder nur nickend zustimmen. Doch sein Nachsatz, nur deshalb so schnell zu sein, weil er „weniger auf Partys tanzen“ gewesen ist und hart trainiert habe, weckte zwar ein Lächeln in der breiten Masse, traf aber nicht auf Anklang. Usain Bolt sagte es nicht in Ermangelung jeglichen Respektes, er meinte es – zumindest sollte man das an diesem Abend getrost glauben – ernst. Der Leichtathletik und den Spielen zuliebe.

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