Ein wagemutig programmiertes Konzert des Cleveland Orchestra in Salzburg wirft Fragen auf.
Wozu und zu welchem Ende veranstalten wir Festspielkonzerte? Im Vorfeld und nach einem in jeder Hinsicht exquisiten Auftritt des Cleveland Orchestra unter der Leitung seines Chefdirigenten Franz Welser-Möst hat sich diese Frage vielleicht vielen Musikfreunden aufgedrängt. Während des Abends fand man zu derlei Überlegungen kaum Gelegenheit. Denn da wurde auf zwingende Art und Weise Musik gemacht, technisch (mit minimalsten Abstrichen bei den Hörnern) makellos, klanglich in sämtlichen Registern subtil schattiert. Und weil der sonst oft kühl wirkende Welser-Möst einen geradezu extrovertierten Tag hatte, auch mit enormem expressiven Nachdruck, der die ungemein liebevoll modellierten dynamischen und farblichen Abstufungen zu virtuosen Balanceakten machte. Denn der Dirigent wählt, wo nicht rasante, so doch zügige Tempi: So bleibt ein viel gespieltes Werk wie Dvoráks „Neue Welt“-Symphonie frei von jeglicher Kitschgefahr. Festspielreif also, wenn ein Weltspitzenorchester neues Licht auf einen Klassiker wirft.
Aus Opernerfahrung wird man klug
Wobei die Tatsache, dass die Clevelander heuer erstmals auch als Opernorchester in Salzburg fungieren, auf dieses Konzertereignis durchaus Wirkung zeitigte. Wenn sie die Naturlaute am Beginn der „Rusalka“ mit Einfühlungsvermögen in ein böhmisches Märchen gespielt haben, musizieren die Holzbläser ihre ersten Einsätze in der Einleitung zur Neunten Symphonie anders, weil mit tieferem Verständnis für den Humus, auf dem diese Musik gedieh. Musiker „aus der Neuen Welt“ beschwören da mit einem Mal Klänge aus der mitteleuropäischen Tradition. Amerikanisch ist an Dvoráks Symphonie ja bestenfalls das eine oder andere melodische Aperçu.
Aus solchem Erkennen musikalischer Wurzeln geboren, erklangen im zweiten Teil des Abends auch Stücke von Béla Bartók und Alban Berg. Bartóks Drittes Klavierkonzert, wie die Dvorák-Symphonie in den USA entstanden, doch – Werk eines Exilanten mitten im Zweiten Weltkrieg – voll sehnsüchtiger Bezüge zur verlorenen Sprache, zu Naturlauten auch, die inmitten des zentralen Adagios aus Vogelstimmen transzendente Botschaften werden lassen. Als hätte der Komponist geahnt, die Unschuld, die Freiheit, die er da beschwor, in der Realität nicht mehr erleben zu dürfen. Mitsuko Uchidas holzschnittartig klare Spielweise, die klangliche Rundungen im ersten Satz den sensibel aufspielenden Clevelandern überlassen hatte, fand da im Dialog mit Orchestersolisten zu einem anrührend abgehobenen, entrückten Ton, der sich im Finale in duftige, spielerische Leichtigkeit auflöste. Solistin wie Orchester erreichen dieser Musik gegenüber eine Freiheit und Sicherheit im Zugriff, die jegliche aus technischer Befangenheit geborene Erdenschwere abwirft und bei Bartók zu interpretatorischen Ufern vordringt, die im Konzertbetrieb sonst bestenfalls Mozart-Klavierkonzerten vorbehalten bleiben.
Festspiele also auch in dieser Hinsicht: Einbindung von Musik, die nach wie vor als „modern“ gilt, doch plötzlich klingt, als zähle sie längst zum selbstverständlichen Vokabular. Genau das machte den abschließenden Programmpunkt des Abends im großen Festspielhaus zur Sensation. Denn Alban Bergs Orchesterstücke op. 6 sind aufgrund immenser spieltechnischer Ansprüche nach wie vor Terra incognita, werden, wenn überhaupt, in mühevoller Probenarbeit immer wieder neu einstudiert, wobei man wohl immer sicherer zu werden scheint, das Gewirr der unglaublich verschachtelten, schier undurchdringlichen Partitur mehr und mehr entschlüsselt. Doch liegt die Wahrheit, die für das Publikum spontan fühlbare Erkenntnis, dass Berg da die unmittelbare Fortsetzung der symphonischen Aussagen etwa von Mahlers Sechster weiterdenkt, in der Regel nach wie vor unter dem Schleier mangelnder Selbstverständlichkeit verborgen: Solange die Musiker nicht wirklich wissen, in welchem Sinnzusammenhang die komplizierten Stimmen, die sie da exekutieren, stehen, kann von unmittelbarer Wirkung auf die Hörer nicht die Rede sein.
Nun also die Clevelander und Welser-Möst – sie stellen, eine Art Provokation via Programmheft, Bergs Stücke an den Abschluss ihres Konzerts, rücken das traditionelle Effektstück, Dvoráks Neunte, an den Beginn. Und sie lassen dieser kühnen Kampfansage an die Hörgewohnheiten auch Taten folgen. Eine Aufführung der Orchesterstücke von vergleichbarer Transparenz und minuziöser Feinzeichnung ward nie gehört. Wie in der Dvorák-Symphonie schien die Phrasierungskunst der Musiker von unerschöpflicher Modulationsfähigkeit. Die Ausdrucksqualität der Musik wird offenbar: Wie da schon im Mittelsatz, dem „Reigen“ fragile wienerische Walzerklänge mit von Ferne ahnungsvoll hereintönenden Fanfaren verschmelzen, wie die Welt im abschließenden Marsch tatsächlich unter Preisgabe aller Erinnerungen an dekadent-faszinierender Kunsterfahrung in den Untergang marschiert, das wurde unter Welser-Mösts Händen zum atemberaubenden Klangtheater. Apokalyptische Musik, entstanden am Vorabend des Ersten Weltkriegs ans Ende eines Festspielprogramms zu stellen, das ist mutig. Das illustre Auditorium schien nach dem Schlussakkord mit seinem alles zertrümmernden Hammerschlag beeindruckt, aber auch irritiert. Bergs Musik verstört vielleicht mehr denn je, wenn ihre „schönen Stellen“ so zerbrechlich und zauberisch realisiert werden wie diesmal.
Wer will tönende Avantgarde hören?
Womit wir erneut bei der Eingangsfrage gelandet wären: Die noblen Aufgaben eines Festivals wären erfüllt, höchstes Spielniveau garantiert die Hereinholung verkannter, doch bedeutender Teile des historischen Musikrepertoires auf ideale Weise. Im besten Fall lässt sie auch die Brisanz hören, die viel gespielter Musik von der „Jupitersymphonie“ und der „Eroica“ bis zu Dvoráks „Neuer Welt“ innewohnt, wenn man sie nur von den Verkrustungen unserer unreflektierten Berieselungsästhetik befreit.
Ob das Publikum freilich auf Dauer mit den genannten hehren Zielen konform geht und dies als Teil seines – wohl auch legitimen – Strebens nach genussvollen Hörerlebnissen akzeptieren wird, kann nur der Kartenverkauf beantworten. Glaubt man Giuseppe Verdi, dann entscheidet über Erfolg und Misserfolg ja doch immer nur der Kassenrapport.
Salzburger Entdeckungen
■Das Cleveland Orchestra unter Franz Welser-Möst musiziert am 24.August Werke von Schubert, Bartók und Johann Strauß, am 25. Messiaen und Mahlers „Lied von der Erde“ (Jonas Kaufmann/Simon Keenlyside).
■Das Attersee Institute Orchestra gastiert heuer unter der Leitung von Jordi Savall mit Barockem von Purcell, Händel und Lully (30.8., 15Uhr).
■Restkarten gibt es noch für alle Konzerte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2008)