Ob Hürdensprinter Dayron Robles, alle Boxer, Baseballer, Ringer oder Gewichtheber: Die Olympiasiege der „Soldaten des Volkes“ dienen nur dem Regime der Karibikinsel – und seinem „Maximo Lider“.
Wer bei Olympia von kubanischen Sportlern spricht, dem fallen große Figuren des Sports ein. Teofilo Stevenson, Ariel Hernandez, Felix Savon (alle Boxer) oder Hochspringer Javier Sotoamyor. Seit gestern ist auch Weltrekordler Dayron Robbles ein Begriff, dem die Verletzung von Chinas Volksidol Liu Xiang Gold über 110-m-Hürden in 12,94 Sekunden in die Hände spielte.
Begleitet werden die Gedanken allerdings vom dahinter stehenden KP-System, von „Maximo Lider“ Fidel Castro und seinem Bruder und dem aktuellen Machthaber Raul. Kuba ist eine Karibikinsel, aber mit einem Sportsystem, wie es die DDR kultiviert hatte. Wer Erfolg hat, darf weitermachen, wer verliert, wie etwa die Volleyballerinnen im Semifinale gegen ihre Gegnerinnen aus den wenig geliebten Vereinigten Staaten, ist unten durch. Wer abgerechnet hat mit seinem Dasein in Havanna, dem bleibt nur noch eine Alternative: die Flucht.
Seit Jahrzehnten haben Kubas Funktionäre bei Großturnieren nur eine Sorge: Wie hält man das Team zusammen, ohne dass Ausreißer oder Fahnenflüchtige für Schlagzeilen sorgen? Bei der Abschiedszeremonie im „heiligen“ Baseball-Stadion von Havanna sprach Raul Castro also Klartext mit seinen „Soldaten des Volkes“. Es klang weder nach Angelobung noch nach einer Verabschiedung, es war vielmehr ein donnernder „Marschbefehl“: „Sie alle wissen, was Kubas Volk von Ihnen erwartet“, hatte der starke Mann vor drei Wochen lauthals in das Mikrofon gebrüllt. „Sie und ich wissen, dass Sie diesen Wunsch erfüllen werden. Gewinnen Sie!“
Biss, Drill und Erfolg
Auf Kuba werden Athleten systematisch schon im Kindesalter gescoutet, getestet und seit 1959 auf Weisung von Fidel Castro in Spezialprogramme integriert. In diesen Sportschulen erhalten die Kinder nicht nur eine Ausbildung, sondern auch den nötigen Biss und politischen Drill, um im Sport Erfolg zu haben.
Natürlich, es gleicht dem Leben in China, das System wurzelt mit seiner Apparatur auch in derselben Philosophie. Nur liegt Kuba in der Karibik, und somit bleiben wenige Sportarten übrig, in denen die sportliche „Elite“ in den beiden Leistungszentren der Insel geformt wird.
Olympioniken bleiben bettelarm
In Anspielungen auf vergangene Schlachten in Ayacucho oder Mal Tiempo wurde von Sportlern nun verlangt, den gleichen Einsatz zu zeigen, vor allem gegen Amerika, der Krieg, besser: die Revolution, gehe ja weiter gegen die Dollar-Übermacht. Elf Millionen Kubaner werden täglich über alle TV-Kanäle und Medien mit dem Gedankengut der Castros „geprägt“, und betrachtet man die Ausbeute, ist die Gier nach Olympia-Prestige auch verständlich: 184 Olympia-Medaillen hat Kuba gewonnen, davon 67 aus Gold. Indien, mit 1,1 Milliarden Einwohnern, brachte es gerade einmal auf fünf Goldene. Ein Vergleich, der immer wieder gerne bemüht wird.
Trotzdem bleiben Olympiasieger in Kuba bettelarm. Sie sind Amateure und ein Werkzeug der Partei, mehr nicht. Umso mehr wächst der Reiz zum Absprung, wenn Amerika mit Millionenverträgen lockt. Ikonen wie der Boxer Felix Savon oder der Baseballer Omar Linares lehnten allerdings US-Angebote dankend ab. „Die Liebe von elf Millionen Menschen ist wichtiger als Geld“, sagte einst Tefilo Stevenson. Nur kaufen konnte er sich davon nichts. Auf diesen „Zustand“ wollten viele Pitcher und Catcher nicht warten, zu groß war die Verlockung der Baseball-Liga MLB, also „flüchteten“ sie. Wie viele es ihnen gleichtun pro Jahr, darüber gibt es keine Zahlen, die werden verschwiegen. Es sind aber getrost pro Jahr über 100.000 Flüchtlinge unterwegs. Der berühmteste Spieler, es ist Orlando Hernandez (El Duque, NY Yankees), schaffte es in die andere Welt, in der Dollars und Freiheit warten. Dafür himmeln ihn seine Landsleute an, er reißt dem bröckeligen System wieder einen Stein aus der Mauer.
Vier Sportler türmten
In Athen 2004 dominierte Kuba den Boxbewerb nach Belieben, in fünf Gewichtsklassen wurde Gold gewonnen. Dennoch war es zugleich Castros größte Niederlage: Vier Herrschaften „türmten“, der Fünfte beendete seine Karriere. Doch der Fundus talentierter Jugendlicher, die daran glauben, eines Tages entdeckt zu werden, ist groß und der Abgang dieser „Verräter“, so Castro, erträglich. „Sie sind kriminelle Elemente, die in unserer sozialen Umgebung ohnehin nicht sein dürfen.“
Ganz so leicht aber dürfte Kuba es sich auch wieder nicht machen, „der Imageschaden des Landes ist gewaltig. Vor allem auf der Insel selbst“, sagt Uva de Aragon, Kuba-Expertin der Universität Miami in der Tageszeitung „USA Today“. „Der Regierung könnten nämlich eines Tages wirklich die Sieger ausgehen!“
Es ist daher also getrost davon auszugehen, dass sowohl Hürdensprinter Robles als auch Ringer Mijain Lopez nach Havanna zurückkehren werden. Ihnen rückt nämlich seit dem Gewinn der Goldmedaille der „staatliche Begleiter“, abgestellt vom Chinesischen Geheimdienst, nicht mehr von der Seite.
AUF EINEN BLICK
■Kubas Medaillenbringer bei Olympischen Spielen waren in der Vergangenheit Leichtathletik, Boxen, Judo, Ringen und Teamsportarten wie Volleyball.
■Auf 187 Olympia-Medaillen brachten es die Sportler von der Karibikinsel bislang, 67 davon aus Gold, wobei rund die Hälfte auf das Konto der Boxer gehen.
■Großereignisse bergen für Kubas Führung aber immer auch ein großes Risiko: Sportler nutzen die Gelegenheit der Auslandsreise, um die Flucht anzutreten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2008)