Der Präsident des Österreichischen Komitees meinte am Freitag: "Wir haben uns nirgends blamiert". Die sieben Medaillen von Athen 2004 seien eine Ausnahme gewesen und hätten "viel verdeckt".
Zwei Tage vor dem Ende der 29. Olympischen Spiele in Peking hat ÖOC-Präsident Leo Wallner am Freitag Bilanz über das Abschneiden der österreichischen Mannschaft gezogen. Wallner bezeichnete das Ergebnis dank der (bis Freitag) drei Medaillen und vielen Top-16-Plätze als "interessant", gab aber zu, dass dies kein Ausgleich für die sieben Medaillen von Athen sei. "So schlecht war es aber nicht. Wir hatten keine Touristen dabei, haben uns nirgends blamiert", meinte der 72-jährige, der auch IOC-Mitglied ist.
Der Rückfall im Medaillenranking ist für Wallner nachvollziehbar. "Athen war eine Ausnahme und hat viel überdeckt. Auch sonst haben wir immer nur zwei bis drei Medaillen gemacht. In Seoul sogar nur eine." Es ist auf jeden Fall kein Grund für den seit 1990 amtierenden Niederösterreicher, sich zurückzuziehen. Vielmehr wird Wallner nach Peking erneut für das vierjährige Präsidentenamt kandidieren. "Ich habe in keiner Weise mein persönliches Schicksal mit dem Medaillenstand verbunden. Das wäre Fahnenflucht", sagte Wallner im Austria House in Peking.
Der Spitzenfunktionär verhehlte aber nicht, dass er in einigen Sportarten Handlungsbedarf sehe. Wallner nannte namentlich Rudern und die Leichtathletik. Aber auch Segeln und Schwimmen, "wo wir früher exzellent waren". Vor allem die Leichtathletik, "wo wir kaum noch präsent waren", schmerze ihn, so Wallner. Deshalb wünscht sich der ÖOC-Chef auch eine gewisse Richtlinienkompetenz, um die Bestimmungen der Mittelverteilungen im Sport "etwas zu verfeinern."
Eine Konzentration der vielen Sportkörperschaften- und Förderstellen in Österreich oder etwa gar eine Zusammenlegung des ÖOC mit der BSO hält Wallner aber für schwierig bzw. nicht sinnvoll. Ein Problem der Evaluierung nach den Spielen sei auch, dass Wahlen in Österreich bevorstünden. Das Geld sei aber ganz sicher nicht das Problem, so der frühere Generaldirektor und derzeitige Vizepräsident der Casinos Austria.
Wallner ging speziell auch auf den Fall Matthias Steiner ein. Der Gewichtheber aus Niederösterreich hatte sich vor Jahren mit dem ÖGV so überworfen, dass er nun in Peking für Deutschland Gold holte. "Es tut mir außerordentlich leid wenn jemand, der so einen PR-Wert hat, nicht mehr für Österreich startet. Darauf hatten wir im ÖOC damals aber keinen Einfluss", sagte Wallner. Man hätte natürlich nein zum Wechsel sagen können, weil Steiner in Athen noch für Österreich gestartet war. "Das wäre aber gegenüber einem Sportler nicht richtig gewesen." Er hoffe, dass dies ein Einzelfall bleibe, so Wallner.
Wallner hatte schon zur Halbzeit der Spiele positiv bemerkt, dass China "lächeln" gelernt habe. Hatte der ÖOC-Chef damit die positive Entwicklung vor allem bei den jungen Chinesen gemeint, sprach er auch negative Auffälligkeiten an. Der an allen Ecken zu sehende "überpreussische Drill" sei etwas zu groß gewesen. "Aber da können die Chinesen eben noch nicht aus ihrer Haut heraus."
Dass China in der Medaillenwertung klar voran liege, sei ebenfalls nichts Außergewöhnliches. "Ein Veranstalter spielt bei Olympia immer eine ganz besondere Rolle", bezog sich Wallner auf das gute Abschneiden der Australier in Sydney und der Griechen in Athen. "Und in China ist Sport zudem immer noch ein Mittel der Außenpolitik".
Wallner ist im Übrigen fest davon überzeugt, dass Olympia die chinesische Gesellschaft verändern werde. "Auch wenn man hinterher zunächst wieder zwei Schrauben zurückdrehen muss. Aber langfristig kann man der Bevölkerung das Vergangene nicht mehr zumuten", ist der ÖOC-Chef überzeugt.
Ob Exekutionen in chinesischen Sportstadien unter Zuschauerbeteiligungen nun irgendwann ein Ende finden würden, könne freilich niemand sagen. "Aber die Todesstrafe ist ohnehin kein Ausdruck von Demokratie, sondern von Humanismus", meinte Wallner. "Dieses Land war 3.000 Jahre abgeschottet, in so kurzer Zeit kann man Dinge nicht komplett verändern."
Bezüglich der bemerkenswert geringen Zahl an Dopingfällen in Peking meinte Wallner: "Entweder hat die Medizin große Fortschritte gemacht, oder sie sind tatsächlich weniger geworden. Ich hoffe Zweiteres. Das IOC hatte vorher große Angst und ist jetzt sehr glücklich", berichtete Wallner.
Die Tendenz zum kommerziellen Gigantismus bei Olympia wird laut Wallner anhalten, deshalb bewerbe sich Österreich derzeit auch nicht um Winterspiele, sondern um die Jugendspiele 2012. "Das größte Problem bei Winterspielen ist, alle IOC-Mitglieder gleichwertig unterzubringen. Sollen wir jetzt deshalb auch Riesentürme bauen?", sorgte Wallner mit einer abschließenden Frage für Heiterkeit.
(APA)