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Analysten liegen mit Prognosen meist daneben

(c) AP (Ed Ou)
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US-Analysten waren lange Zeit die Stars an den Börsen. Heute werden sie von vielen Anlegern verflucht.

New York (höll/Bloomberg).Geht die Talfahrt an den US-Börsen weiter? Welche Aktie sollte man sich jetzt ansehen? Fast täglich veröffentlichen die Großbanken unzählige Aktien-Empfehlungen. Doch nicht immer haben sich die Finanzexperten mit Ruhm bekleckert. Laut einer gestern veröffentlichten Analyse der Nachrichtenagentur Bloomberg waren die Gewinnprognosen der Analysten für US-Unternehmen im zweiten Quartal 2008 so ungenau wie noch nie. Nur in 6,7 Prozent der Fälle entsprachen die Schätzungen dem tatsächlichen Ergebnis, bezogen auf die im US-Leitindex S&P 500 enthaltenen Firmen.

 

Interessenskonflikte

Die höchste Trefferquote hatte es im vierten Quartal 2000 gegeben, als sich 30 Prozent der Schätzungen bestätigten. Seitdem nahm die Zuverlässigkeit der Finanzexperten kontinuierlich ab. „Die Analysten bekommen von den Firmen, die sie beobachten, immer weniger Antworten auf ihre Fragen“, meint John Kornitzer, Leiter der Abteilung „Anlagestrategie“ beim US-Vermögensverwalter Kornitzer Capital Management.

Hinzu kommt, dass Analysten angesichts der Stellenstreichungen in der Finanzbranche zusätzliche Aufgaben übernehmen müssen.

Immer wieder gibt es Vorwürfe, dass ein Analyst Aktien lobt, die in den Fonds der eigenen Bank liegen. Oder ein Institut führt ein Unternehmen an die Börse – und will mit positiven Empfehlungen den Aktienkurs pushen. Nur wenige Analysten trauen sich, Verkaufsempfehlungen zu veröffentlichen. Denn oft sind die betroffenen Unternehmen Kunden der Bank. Und da vermeidet man Ärger. Zwar gibt es in der Branche die so genannten „Chinese Walls“, die chinesischen Mauern, die strikte Trennung zwischen der Firmenkunden-Abteilung und dem Aktienresearch. Böse Zungen behaupten allerdings, es sei utopisch zu glauben, dass Vorgänge in einer Abteilung eines Hauses einer anderen verborgen blieben.

„Ein Analyst hat längst nicht mehr den begehrten Job, bei dem man viel Geld verdienen konnte, wie es früher war“, sagt Walter Hellwig von Morgan Asset Management.

Auf Grund der strengeren Vorschriften zeigen sich die Vorstände der Konzerne, die von den Analysten unter die Lupe genommen werden, zugeknöpft. Das erschwert den Finanzexperten den Zugang zu Informationen. „Den Kumpel im Research, der vom Unternehmen vor allen anderen einen vertraulichen Hinweis oder ein zustimmendes Nicken erhält, gibt es so gut wie nicht mehr“, meint John Wilson, Ko-Direktor von Morgan Keegan.

 

Sparkurs bei den Banken

Angesichts der unsicheren Lage an den Finanzmärkten sollten sich Investoren nicht nur auf Berichte von Analysten verlassen. „Niemand weiß derzeit, wie schlimm es noch werden könnte“, so Wilson. In den USA führen die Verluste der Banken dazu, dass immer mehr Analysten ihren Job verlieren. Die Bank of America, das zweitgrößte US-Institut, hat die Hälfte ihrer in New York ansässigen Finanzexperten gekündigt. Prudential Financial, der zweitgrößte US-Lebensversicherer, ging einen Schritt weiter und schloss den Aktienresearch-Bereich mit 420 Beschäftigten. Die Sparte habe keinen Gewinnbeitrag geliefert, lautete die lapidare Begründung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2008)