„Hundertstel verändern dein Leben“

(c) Reuters (David Gray)
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Mit seinen acht Schwimm-Goldmedaillen schrieb Michael Phelps Geschichte. Der Olympia-Superstar spricht über Liebe, Leben, Sport, echte Freunde – und warum er seine Medaillen nicht in Fort Knox aufbewahrt.

Die Presse: Herr Phelps, wie sehr hat sich Ihr Leben verändert? Sie stehen als erfolgreichster Olympionike aller Zeiten überall im Mittelpunkt.

Michael Phelps: Wissen Sie, eigentlich hat sich bei mir selbst nur wenig verändert. Die vergangenen Tage waren lustig, interessant und aufregend. Es hat in Peking wirklich Spaß gemacht. Es waren viele neue Erfahrungen, die haben mir gefallen. Aber jetzt freue ich mich nur noch auf mein Bett daheim!

Welchen Moment haben Sie am meisten genossen? Sie haben ja gleich acht zur Auswahl...

Phelps: Es ist hart zu sagen, welcher dir bei Olympia wirklich in Erinnerung bleibt. Es ist doch allein ein tolles Erlebnis, bei den Spielen dabei zu sein. Es waren zehn Tage voll Emotionen und Arbeit, vielen neuen Gesichtern, Menschen und deren Jubel. Es begann schon am Flughafen bei meiner Ankunft. Da standen hunderte Fotografen und wollten einen Schnappschuss von mir. Aber ich habe sie fotografiert, aus dem Bus heraus. Das war cool. Diesen Augenblick vergesse ich mein Leben lang nicht!


Sie haben sieben Weltrekorde gebrochen, gab es da nicht einen Moment der Schwäche, wie ihn Menschen ja haben können?

Phelps: Wenn man bei einem Event etwas Großes vorhat, dann musst du einfach immer positiv denken und dich auf deine Arbeit konzentrieren. Hey man, das ist doch Olympia! Darum geht es. Aber ich lebe derzeit wirklich wie in einem Traum, der wahr wurde.

Sie gelten als Langschläfer, machte es keine Probleme, in Peking in der Früh um Medaillen zu schwimmen?

Phelps: Ich hatte manchmal Probleme, früh aufzustehen, ja. Aber für Peking habe ich mich umgestellt, und hier hat es ja ganz gut funktioniert. Für diese Spiele musste ich unbedingt bereit sein, und es durfte nicht am Aufstehen scheitern. Ich bin keine Schlafmütze mehr, obwohl ich jetzt enorm müde bin. Ich muss ja nicht nur mich, sondern bei Olympia auch mein Land vertreten, so gut ich kann.


Bei „Stars & Stripes“ trugen Sie stets die Hand auf Ihrem Herzen. Sind Sie ein großer Patriot?

Phelps: Es ist einer der schönsten Momente eines Sportlerlebens, dort ganz oben zu stehen mit der Goldmedaille um den Hals, und sie spielen deine Hymne. Da musst du einfach deinen Patriotismus zeigen. Das sind Eindrücke, die man nie in seinem Leben vergisst. Niemals, und darum ist Olympia auch so enorm wichtig für mich.


In Amerika stehen jetzt Wahlen auf dem Programm. Werden Sie sich für einen der Präsidentschaftskandidaten in die PR-Schlacht werfen?

Phelps: Ich habe eine politische Einstellung, aber die will ich nicht kundtun, ich trenne da strikt zwischen meinen öffentlichen Auftritten. Sorry, ich werde nichts sagen.

Sie genießen aber enorme Bekanntheitswerte. Können Sie jetzt noch unerkannt durch Baltimores Straßen laufen?

Phelps: Ich weiß nicht, aber ich freue mich schon unheimlich auf meine Heimat. Nur das zählt, nicht, wer dich nicht erkennen könnte. Ich will heim, zu meiner Familie, meinen Freunden, meinem Bett, meinem Hund. Ich werde sofort einschlafen, wenn ich im Flugzeug sitze, und daheim sicher mehrere Tage nicht außer Haus gehen.

Hat wieder einer Ihrer Freunde ein „nettes“ SMS geschrieben? Im letzten stand ja, dass er ihr „dummes Gesicht“ nicht mehr bei der Siegesfeier sehen möchte.

Phelps (lacht): Nein, jetzt kamen keine mehr. Dafür haben mich meine Kollegen hier auf den Arm genommen und Nachrichten an der schwarzen Tafel im olympischen Dorf hinterlassen. Love-Messages...

Daheim ist auch alles vollkommen verrückt, jeder spricht nur von mir, und ich bin schon sehr gespannt, was mich da erwarten wird.

Sie halten bei vierzehn Olympia-Goldmedaillen, wollen Sie nicht mal etwas anderes ausprobieren? Skifahren, Langlaufen vielleicht?

Phelps (lacht): Nein, nein, nein. Ich fühle mich im Wasser so unglaublich wohl, dort gehöre ich hin, wie ein Fisch. Da ist der einzige Sport, den ich machen will.

Wo bewahren Sie die Medaillen auf? Oder haben Sie die zur Sicherheit schon in Fort Knox abgeliefert?

Phelps: Die Medaillen sind immer bei mir, aber an einem ganz sicheren Ort! Und ich bin tatsächlich extrem stolz darauf, dass ich der Einzige bin, der wirklich weiß, wo sie versteckt sind.

Was macht Wasser für Sie so einzigartig? Chlor kann es ja nicht sein.

Phelps: Ich fühle mich einfach wohl, Wasser ist ein Teil von mir. Ich kann im Wasser entspannen, und eigentlich fühle ich mich im Pool wie zu Hause.

Was halten Sie von Österreichs Schwimmern? Sie kennen ja Markus Rogan oder Mirna Jukic.

Phelps: Markus war gut, hatte aber Pech. Mirna hat sich im letzten Jahr sehr gesteigert, und ihrem Bruder Dinko traue ich noch viel mehr zu. Der wird groß, ihr werdet sehen! Sie haben sich hochgearbeitet, aber es auch eine Frage von Talent.

Taucht Rogan noch einmal bei Olympia auf? Er spielt ja angeblich mit Abschiedsgedanken...

Phelps: Wer weiß, er ist ein großartiger Rückenschwimmer, ein toller Wettkämpfer. Ich glaube, dass er bald wieder ganz vorne sein wird.

Sie sind Football-Fan, sagt Ihnen der Namen Toni Fritsch etwas?

Phelps: Fridge? Mmmh, yes, der Name sagt mir was. Ja: Der war bei Dallas, aber das ist schon lange her. Ich bin wirklich ein Fan, aber nur von den Ravens, die spielen in meiner Stadt Baltimore!

Was ist das Geheimnis Ihres Erfolges?

Phelps: Harte Arbeit, Einstellung, Verpflichtung, Verlangen, Wollen, Liebe. Ich liebe, was ich tue, und nur deshalb mache ich es auch.

Die Zeit ist Ihr größter Gegner, haben Sie aber auch manchmal Zeit für sich? Welche Rolle spielt der Sekundenzeiger in Ihrem Privatleben?

Phelps: Zeit spielt für mich eine sehr große Rolle. Ich habe immer meine Uhr dabei, und eine einzige Sekunde, was sage ich, eine Hundertstel kann dein Leben verändern.

Sie meinen die 0,01 Sekunden, die Ihnen über 100 m Delfin gegen den Serben Cavic Gold gerettet haben?

Phelps: Ja, genau die meine ich! Zeit ist ein wichtiger Faktor. Aber auch außerhalb des Pools, du lebst ja nur einmal.

Leiden Sie sehr stark unter Druck? Wie gehen Sie damit um?

Phelps: Nimm jeden Moment so, wie er ist, nimm dir das Wichtigste für dich selbst heraus. Druck ist also etwas Relatives...

Konnten Sie die letzten Tage genießen bei all dem Rummel?

Phelps: Ich habe einfach nichts gemacht, habe relaxed im Olympia- Dorf und habe es mir mit meinen Freunden gutgehen lassen.

Kann man im Augenblick des Erfolges noch unterscheiden, wer seine wirklichen Freunde sind?

Phelps: Ja, ich kann das. Meine Freunde waren schon da, als ich noch keine Medaillen gewonnen hatte. Und sie werden da sein, wenn ich keine mehr gewinne.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2008)

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