„Die Welt sieht unsere Farben“

POLITIK. Vier Athleten aus Palästina nutzen die Spiele, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen.

PEKING. Wenngleich im Vogelnest-Stadion von Peking momentan vorwiegend Jamaikaner jubeln und für sie sowie Superstar Usain Bolt auch in der 4x100-Meter-Staffel der Goldregen nicht enden soll, stahl allen Topstars ein nahezu unbekannter Mann nach seinem Rennen beinahe die Show. Er lief im 5000-Meter-Bewerb, schaffte in 14:41,10 Minuten weder den Finaleinzug, noch unterbot er seine eigene Bestzeit. Doch darum war es dem Palästinenser Nader al Masri auch nie gegangen.

Der Vater von drei Kindern kommt aus Beit Hanoun, einer Stadt mitten im Gazastreifen. Er ist auch anderes gewöhnt, nämlich Kugelhagel, Bomben und Militäreinsätze. Allein das Dabeisein bedeutet für ihn, drei weitere Landsleute und vor allem für Palästina Welten.

Al Masri erzählt von Läufen durch seine Stadt, er beschreibt zerstörte Häuser, ausgebrannte Autos und Geschäfte, in denen es nichts mehr zu kaufen gibt, weil alle Waren an der israelischen Blockade hängen bleiben. Auch hätten zuletzt die Ägypter schärfer reagiert und darauf geachtet, keinen Menschen- bzw. Flüchtlingsstrom mehr zuzulassen, der aus dem Streifen in ihr Territorium eindringen könnte. „Gaza braucht dringend den Kontakt mit der Welt da draußen“, sagt Nader al Masri.

Olympia sei schön, wunderbar, aber in Wahrheit wolle er zeigen, „dass wir auch noch da sind. 1,5 Millionen Menschen werden in einem kleinen, schmalen, sandigen Areal gehalten. Die Blockaden verhindern freien Zugang zu Arbeit, Medizin und Ausbildung. Mehr noch, sie verhindern ein freies Leben.“

Leben wie im Gefängnis

Dass er überhaupt hinaus durfte aus dem Streifen, verdankt er dem Katar-Komitee und einer Menschenrechtsorganisation, die sich im April dieses Jahres für ihn stark gemacht hatten. Für al Masri wurde so zwar ein Traum Wirklichkeit, aber ist das alles, fragt er. „Muss man erst ein Olympiastarter sein, um den Gaza-Streifen verlassen zu dürfen? Warum? Es ist wie ein großes Gefängnis!“

Seit zehn Jahren trainiert Al Masri schon, und wenn er durch die Straßen von Beit Hanoun (von dort feuert die Hamas regelmäßig Raketen auf die israelische Stadt Sderot) läuft, wünschen ihm alle Glück. Manche laufen einige Meter mit ihm, und an all diese Menschen hat er auch gedacht, als er seine Runden in Peking drehte. Auch dachte er an den gegnerischen Familienclan, der im Kampf der Palästinenser untereinander zuletzt sogar von Schusswaffen Gebrauch gemacht hatte. Der Hass sitzt tief, und Frust führt dazu, dass man sich selbst tötet oder gegen Israels Militär noch aggressiver zu Werke ziehen wolle. Auch wird Nader al Masri nie vergessen, dass er in Katar vier Monate leben durfte, um sich optimal vorzubereiten. Wobei das Wort optimal so verstanden werden muss: Er lief auf Steinböden und Sand, mit nur einem Paar ausgelaufener, löchriger Adidas-Schuhe. In Katar wurde ihm beim Empfang ein neues Paar geschenkt, in Blau, seiner Lieblingsfarbe. Ein Moment, in dem er sich wieder wie ein kleines Kind fühlte. Sich selbst welche zu kaufen, hätte er sich ja nicht leisten können. Es gibt ja nicht einmal Benzin im freien Handel, sagt er, und dann solle er Schuhe kaufen? Und vor allem, mit welchem Geld hätte er bezahlen sollen? Er verdient 320 Euro pro Monat als Offizier der von der Fatah dominierten Nationalen Sicherheitseinheit. Davon müsse seine ganze Familie leben...

Ohne Qualifikation in Peking

Masri Bestzeit blieb trotz intensiven Trainings weit über der Norm, die vom Internationalen Olympischen Comité vorgegeben wurde. Doch er ergatterte einen von 90 Plätzen, die vom IOC an Länder vergeben werden, die sonst niemals bei Olympia dabei sein hätten können. Palästina nahm erstmals in Atlanta 1996 an Olympischen Spielen teil und gewann bis heute keine Medaille. Nader al Masri stört das nicht im geringsten. „Hauptsache, die Welt sieht die Farben unseres Landes und vergisst nicht auf uns.“ Am Samstag kann er in aller Ruhe das 5000-Meter-Finale sehen und am Sonntag bei der Schlussfeier seine Fahne tragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2008)

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