Peking lieferte auf den ersten Blick reibungslose Spiele und China stand im Rampenlicht. Impressionen aus einer anderen Welt, die auch für Österreichs Sport Folgen haben.
Es sollten die Spiele der Superlative werden, das hatten Chinas Machthaber dem Internationalen Olympischen Komitee und dem Rest der Welt angekündigt. Und die Chinesen hielten ihr Wort: Die Sommerspiele 2008 übertrafen alles was Organisation, Ablauf und Präzision betrifft. Aber sie rückten auch keinen Millimeter von ihrer politischen Haltung ab, das KP-Regime diktiert weiterhin und während der Spiele wurden Themen wie Zensur, Menschenrechte, Tibet etc. ausgeblendet. Fragen, die kritischer Natur hätten sein können, wurden vorab abgeblockt. Dennoch hatte man als Journalist nie das Gefühl, sich nicht frei bewegen, respektive nicht mit jedem über alles sprechen zu können. Aber eben nur bis zu dem Punkt, an dem sich China ganz hätte öffnen müssen.
Die zwei Gesichter
Wenn in diesen Tagen die Olympiastadt von ihren Besuchern verlassen wird, bleiben Erinnerungen an täglich penibel gesäuberte, unheimlich viele Grünflächen, das Heer staatlicher Gärtner, erträglichen Verkehr, tolle U-Bahnen, überraschend gute Luft und das Lächeln der Menschen zurück. Sie waren stolz, Olympia veranstalten zu dürfen, nur was geschieht nun? Was ändert das Regime, kommt die erhoffte Öffnung? Vermutlich nicht, das muss auch das IOC akzeptieren. Wahrscheinlich haben die hohen Herren rund um Präsident Jacques Rogge schon vorab dazu eisern geschwiegen.
Dafür nimmt die Industrie nach einem Monat verordneter Pause wieder ihren Vollbetrieb auf, spätestens nach den Paralympics wird Verlorenes im Eiltempo auf- und nachgeholt. Auch LKW dürfen wieder in Kolonnen tagsüber durch die Stadt rollen, die Luft wird wieder schlechter werden und vermutlich auch das Lächeln der Menschen in dieser Metropole (17 Millionen Einwohner) verschwinden. Dann kommen nämlich auch die zurück, die vor den Spielen aus Peking rausgeschmissen wurden: Diebe, Obdachlose, Prostituierte und Bettler. In Peking sah man 2008 zwei Gesichter einer Gesellschaft, die sich, weil es die Machthaber so wollten, heraus geputzt haben.
Sportlich lieferten diese Spiele durchwegs erwartete Sensationen. Michael Phelps (USA) gewann acht Mal Gold, sieben Mal schwamm er Weltrekord. Der Jamaikaner Usain Bolt ist der König der Laufbahn mit drei Goldenen und drei Weltrekorden. Die beiden drückten Olympia ihren Stempel auf, dahinter gab es sicherlich viele Sieger mit eigenen, mit menschlichen und mitunter berührenden Geschichten wie dem Gewichtheber Matthias Steiner, der Gold seiner verstorbenen Frau gewidmet hat.
Die Namen der Sieger sind kaum zu behalten. Wie auch, wenn schon vor Pekings Ende die Spiele in London 2012 beworben und präsentiert wurden mit David Beckham als Galionsfigur? Die Show in China war schön, toll und brachte dem IOC knapp über drei Milliarden Dollar ein. Aber sie ist vorbei, nun hat schon die PR-Kampagne für den nächsten Event unter der Schirmherrschaft der fünf Ringe begonnen.
Wo sind die Sieger 2012?
Aus österreichischer Sicht war Peking angesichts dreier Medaillen – Silber für Judoka Ludwig Paischer, Bronze für Kanutin Violetta Oblinger-Peters und Schwimmerin Mirna Jukic – durchaus ein Erfolg. Doch die Erwartungen, es wie in Athen auf sieben Medaillen zu bringen, wurden klar verfehlt. Da hilft es nichts, vierte Plätze von Markus Rogan, Claudia Heill oder den Tischtennisspielern schön zu reden, letztlich zählt bei Olympia nur Edelmetall. Und, wie geht es weiter, wer gewinnt in Zukunft wieder für Rotweißrot? Rogan hört auf, Jukic denkt über ihren Rücktritt nach, Schlager wird nicht zu Olympia zurückkehren, ebenso die Tornado-Segler Roman Hagara/Hans Peter Steinacher oder Triathletin Kate Allen. Wer aber sind die Sieger von morgen, vor allem: Wo sind sie?
Österreichs Sport wird sich Gedanken machen, versprach ÖOC-Präsident Leo Wallner. Die Bundessportorganisation BSO, das ÖOC und alle anderen Sport-Verbände tun gut daran, nachzudenken und durchwegs Verbesserungsvorschläge auszuarbeiten. Denn sonst wird der ohnehin schon sehr große Abstand zur Weltspitze in vielen Sportarten und Disziplinen noch größer. Fehlende Erfolge im Ausland bergen zudem die große Gefahr, dass der Sport im eigenen Land noch mehr an Gewicht und Bedeutung verliert. Das ist die bittere Lektion, die Österreich in Peking 2008 – hoffentlich – gelernt hat. Spätestens wenn Siege fehlen, können die enormen Defizite nicht mehr kaschiert werden. Nicht einmal von Österreichs so eloquenten Funktionären.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2008)