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„Belastender als ein neuer Job“

Der Übertritt von der Volksschule in die AHS oder Hauptschule ist für viele Kinder schwieriger als gedacht. Die Eltern sollten Selbstvertrauen vermitteln.

Dass Schule nicht gleich Schule ist, werden im Herbst rund 85.000 Kinder in Österreich am eigenen Leib erfahren: mit dem Übertritt von der Volksschule in die AHS (22 Prozent) oder in die Hauptschule (74 Prozent). Neue Lehrer, neue Mitschüler, neue Fächer, neue Unterrichtsmethoden, neuer Schulweg – und alles voller Tücken.

Wie können Eltern ihren Kindern den Übergang erleichtern? Und welche Vorbereitungen sollten schon in den Ferien getroffen werden? „Es ist eine ähnliche Situation, wie wenn ein Erwachsener einen neuen Job beginnt. Nur ist der Neubeginn für die Kinder prinzipiell belastender, weil sie noch kein so großes Erfahrungs-Repertoire haben,“ sagt der Schul- und Bildungsforscher Stefan Hopmann. Er rät „nicht direkt aus dem Flieger von den Kanaren“ in die neue Schule zu gehen, sondern drei, vier Tage Vorbereitung einzuplanen. „In dieser Zeit können sich die Kinder akklimatisieren, man kann mit ihnen den neuen Schulweg abgehen, Sachen kaufen und den Schulhof anschauen.“ Von inhaltlichen Vorbereitungen hält der Pädagoge wenig. „Vorlernen bringt gar nichts. Das verdirbt nur die Ferien.“ Das Wichtigste sei es, dem Kind zu signalisieren: „Ich stehe zu dir. Egal was passiert – wir schaffen das!“ Gerade in den ersten Tagen sollten die Eltern aufmerksam sein, nach dem Wohl des Kindes fragen. „Wie läuft's? Wie sind die neuen Kollegen? Brauchst du was?“ Generell sollte der Übergang aber bis in den Spätherbst geschafft sein. „Sonst ist was faul,“ so Hopmann.

Peter K. wechselte vor einem Jahr von der Volksschule Scheibenbergstraße (Wien 18) ins Gymnasium Klostergasse (ebenfalls Wien 18). „Das war schon ein Umstieg: die vielen Lehrer, die größere Eigenständigkeit, die Hefte und Bücher, die sie immer beieinander haben müssen,“ berichtet seine Mutter.

Elisabeth K. hat sich rund um den Schulbeginn 14 Tage Urlaub genommen, um für ihren Sohn da zu sein. „Das war schon wichtig. Wir sind den Schulweg vorher zweimal mit der Straßenbahn abgefahren, haben brenzlige Situationen besprochen – etwa, dass er einen Park meidet, wenn dort ältere Buben herumlungern oder wie er sich verhält, wenn er angestänkert wird.“

Dass der Übergang für ihren Sohn so gut geklappt hat, sei aber vor allem den Lehrern und dem familiären Schulklima zu verdanken. „Gleich zu Beginn sind die Kinder mit ihrem Klassenvorstand für vier Tage ins Waldviertel gefahren, um einander kennenzulernen. Außerdem bekommt jeder neue Schüler zu Beginn einen Vertrauensschüler aus einer höheren Klasse zugeteilt.“


Höheres Lerntempo

Obwohl Peter in der Volksschule ein guter Schüler war, war das höhere Lerntempo im Gymnasium anfangs gewöhnungsbedürftig. „Die Lehrer haben aber durchwegs darauf geschaut, dass die Kinder nicht auf der Strecke bleiben. Peter hat den Übergang bis Weihnachten geschafft. Er geht sehr gerne in die Schule.“

Eltern, die den Umstieg noch vor sich haben, rät Elisabeth K., bloß keine Nervosität zu verbreiten. „Wenn die Kinder merken, dass ihnen die Eltern zutrauen, die neue Situation zu bewältigen, gewinnen sie an Selbstvertrauen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2008)