BILANZ. Vor einem Jahr wurde die Parkschein-Pflicht von 20 auf 22 Uhr ausgedehnt. Wer profitiert hat, wer sich als Verlierer sieht.
Wien.Sie hat das Verhalten vieler Wiener ziemlich verändert: Die Ausweitung der Kurzparkzonen (von 20 auf 22Uhr), die sich am 1. September zum ersten Mal jährt. Seither muss man, fährt man am Abend mit dem Auto in die Bezirke eins bis neun oder 20, mitdenken: Denn das Auto muss oft genau dann, wenn man etwa gerade das Dessert serviert bekommt, umgestellt werden. Oder man verlängert den Parkschein aus dem Kinosaal per SMS, was aber nur für die Dauer von zwei Stunden erlaubt ist.
Wie hat sich die Ausweitung – abgesehen von kräftigen Mehreinnahmen für die Stadt (die Gebühren wurden zeitgleich um 50% erhöht) – ausgewirkt? Wer hat profitiert, wer verloren? Als Verlierer sieht sich die Gastronomie. Zwar würden die Gäste nicht aus-, aber kürzer bleiben. „Statt das Lokal kurz zu verlassen, um das Auto umzustellen, gehen die Gäste lieber gleich“, bilanziert Walter Piller, Obmann der Gastronomen in der Wiener Wirtschaftskammer, der die Ausweitung (wie die WK Wien insgesamt) ablehnt. Den Wirten hätte die Verlängerung Umsatzrückgänge von acht Prozent gebracht, sagt er. Von „negativen Auswirkungen“ spricht auch der Obmann der Fachgruppe Kaffeehäuser, Günter Ferstl. „Wenn jemand schön Abendessen gehen will, schafft er das in zwei Stunden sicher nicht“, kritisiert er und fordert, wieder zur Parkscheinpflicht nur bis 20 Uhr zurückzukehren.
Auch die Kinos hatten im Vorfeld Besucherrückgänge befürchtet. Die gab es zwar, sie dürften aber eher an der Film-Piraterie als an der komplizierten Parksituation liegen, heißt es aus der WK. „Das Publikum der Innenstadtkinos kommt ohnehin eher öffentlich“, sagt Christof Papousek, Geschäftsführer der Constantin Film Unternehmensgruppe, die unter anderem das „Actors“ in der City betreibt. Umgekehrt habe auch die prognostizierte Abwanderung zu den großen Kinos am Stadtrand mit eigener Garage nicht stattgefunden.
Auch die Theater hatten angesichts der Beschwerden von Besuchern mit Rückgängen gerechnet. Diese blieben weitgehend aus. Aus einem simplen Grund: Viele Bühnen (darunter Volksoper, Theater in der Josefstadt, Akademietheater) schlossen sich mit umliegenden Garagen zusammen: So können etwa Besucher des Burgtheaters in der Tiefgarage Rathausplatz für 4,50 € von 17 bis 7Uhr früh parken.
Die Garagen-Betreiber, zumindest jene wie „Apcoa Parking Austria“, die das sogenannte „Kultur-Parken“ anbieten, dürfen sich daher auch zu den Gewinnern zählen. „Es hat einen merkbare Zunahme gegeben. Wir gehen von einer Verdoppelung aus“, so Christian Lauder von Apcoa.
Und die Bezirksbewohner? Deren Parkplatz-Suche, so hatte die Stadt argumentiert, sollte sich durch die Kurzparkzonen-Ausweitung verbessern. Was funktioniert hat, sagt der Margaretner Bezirksvorsteher Kurt Wimmer (SP). Auch in Mariahilf sei die Parkplatzsuche der Bewohner „ein wenig leichter geworden“, so Bezirkschefin Renate Kaufmann. Durchwachsener bilanziert man nebenan in Neubau. Laut Bezirksvorsteher Thomas Blimlinger (Grüne) habe sich die Situation im gürtelnahen Teil verbessert. Stadtseitig (MQ, Spittelberg) „ist die Lage durch einpendelnde Lokalbesucher unverändert schwierig“. Dass viele den Parkschein über die erlaubten zwei Stunden hinaus per SMS verlängern, ohne das Auto umzustellen, „macht viel kaputt“, kritisiert er. Negativ auch das Fazit des ÖAMTC: „Der Parkplatzdruck hat dort, wo es große Belastungen gab, kaum nachgelassen“, sagt Jurist Martin Hoffer und fordert „eine gescheite Evaluierung“.
Evaluiert wurde tatsächlich, im Auftrag der Stadt. Die Studie liegt vor, wird aber nicht veröffentlicht, sagt eine Sprecherin von Verkehrsstadtrat Rudi Schicker (SP). Das Argument: Die Ergebnisse könnten falsch interpretiert werden, immerhin könne man die Bezirke nicht miteinander vergleichen.
Was die Studie aber gezeigt habe: Die Verlängerung hat den Bezirken mehr freie Parkplätze gebracht. Laut Studie beträgt die Stellplatzauslastung zwischen 18 und 20 Uhr rund 80%, zwischen 20 und 22 Uhr 87%. Schicker zeigt sich dementsprechend zufrieden mit der Parkraumbewirtschaftung, ortet aber Bedarf, die Wohnsammelgaragen (vormals „Volksgaragen“) weiter auszubauen. Dafür (und etwa auch für den Radweg-Ausbau) werden auch jene Mehreinnahmen verwendet, die durch die Preiserhöhung der Parkscheine eingenommen werden. Die Stadt geht von 20 Millionen € pro Jahr aus. Mehr Parksünder hat man bisher allerdings nicht erwischt: 1,1 Mio. Beanstandungen (sprich: Organstrafmandate oder Anzeigen) gab es 2007, die Zahl „stagniert auf hohem Niveau“, heißt es bei der Parkraumüberwachung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2008)