Schüchternes Mädel verliebt sich in verlässlicher Gut-Böse-Telenovela-Welt in aufstrebenden Schönling. Kommt uns doch irgendwie bekannt vor.
Früher stand hinter dem Label „Telenovela" tatsächlich noch großes Drama. „Die Sklavin Isaura", „Sinhá Moça. Tochter des Sklavenhalters", wir erinnern uns vage. Schwere Leben, schwere Schicksalsschläge - zu schwere Kost für die 00er-Jahre offenbar. Jetzt heißen Telenovelas made in Germany nicht einmal mehr „Sturm der Liebe" (was noch irgendwie schicksalssschwanger klang), sondern schlicht „Anna und die Liebe".
Ein Titel, der - der Verdacht liegt nach Folge 1 ziemlich nahe - die noch ausständigen 249 Folgen (wochentags um 19 Uhr auf ORF1 und Sat1) ganz gut auf den Punkt bringen dürfte. „Schüchtern" hätte man vielleicht noch hinzufügen können, denn Protagonistin Anna (dargestellt von Sängerin und Schauspielerin Jeanette Biedermann), die pausbäckige, blonde Süße, die ach so gerne in der großen Werbeagentur „Broda und Broda" arbeiten würde, hat ein Problem: Sie bekommt den Mund nicht auf vor lauter Schüchternheit. Was natürlich ein gewisses Hindernis ist, wenn man sich in einer Agentur voller selbstbewusster schöner Model-Menschen durchsetzen will. Was aber auch den Zuseher nach einigen Minuten nervt (geht das jetzt all die Folgen so oder taut sie, bitte, bitte, bald auf und wird eine rotzfreche erfolgreiche Werbetexterin?), wenn Biedermann zum x-ten Mal im Closeup zu sehen ist, die Augen möglichst weit aufgerissen (steht in der Telenovela-Welt für Angst) und kein Wort herausbringt.
„Das ist meine Mutter. Sie ist einfach süß". Mit diesen Sätzen aus dem Off, erzählt von Anna, beginnt die erste Folge. Schnell wird klar: Hier lässt sich die Welt noch verlässlich in Gut (Anna, ihre Mutter, ihre beste Freundin) und Böse (ihr Stiefvater, der Anna Aschenputtel-artig vernachlässigt und ihre intrigant dreinschauende Stiefschwester Katja) einteilen. Auch vis-à-vis im Intrigantenstadl Werbeagentur sind die Fronten schnell klar. Der gute Seniorchef (Mathieu Carrière), der von der bösen Gattin plus bösem Sohn gemobbt wird. Wie schön, dass da der gute (und, natürlich, gut aussehende) zweite Sohn Jonas frisch aus L.A. zurückkehrt, in den sich die schüchterne Anna sogleich unsterblich verliebt. Was er natürlich ziemlich lange nicht bemerken und noch länger nicht erwidern wird, sondern sich geschätzte 240 Folgen lang mit den falschen, sprich bösen Frauen umgeben wird, wie es sich für eine Telenovela gehört.
Klingt alles irgendwie bekannt? So wie, sagen wir, „Verliebt in Berlin"? Absolut. „Anna und die Liebe" funktioniert nach dem exakt gleichen Schema wie der einstige Sat1-Quotenhit, nur dass statt dem hässlichen Entlein Lisa Plenske nun der schüchterne Einfaltspinsel Anna ihren Telenovela-Weg geht. Was Handlungsbogen (Intrigen etc.) und Entwicklung der Figuren betrifft, dürfte „Anna und die Liebe" nur eine unmerklich veränderte „Verliebt in Berlin"-Variante sein. Ob die noch einmal so funktionieren kann, wird sich zeigen. Andererseits: Die „Verliebt in Berlin"-Klientel will wohl auch bedient werden.
Hinter der Serie steht die deutsche Firma „Producers at Work", die schon für „Mitten im Achten" verantwortlich war. Verglichen mit der ORF-Flop-Soap ist „Anna und die Liebe" richtig gut gelungen. Nur halt eine Telenovela. Biedermann, durch ihre Rolle in „Gute Zeiten, schlechte Zeiten" in Sachen Vorabendserien einschlägig vorbelastet, hält sich ganz gut. Dass die Dialoge keine Glanzleistungen sind, die Handlung etwas zäh dahinkriecht, um jeweils pünktlich zum Folgen-Ende auf ein dramatisches Highlight zuzusteuern, darf nicht wirklich überraschen. So läuft das nun einmal in Telenovelas. Wer sich nach nicht ganz so platten Dialogen und schnellen Witzen sehnt, möge bis 19.30 Uhr durchhalten. Da läuft ab heute abend „Friends" auf ORF1.