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Wähler als Interviewer: Nicht nur Elefanten

(c) Reuters (Jim Young)
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ATV frischt gemeinsam mit YouTube die Wahlbericht-Erstattung nach US-Vorbild auf.

Auch Privatsender wollen am innenpolitischen Geschehen in diesem Land teilhaben“, sagt ATV-Chef Ludwig Bauer. Und bringt am Sonntag, 21.September (20.15Uhr), eine Live-Elefantenrunde auf Sendung, in der die Spitzenkandidaten der Parteien interviewt werden – von Wählern, via Video: Entweder deponiert man seine Frage beim Web-Portal YouTube oder lässt sie von den beiden Moderatoren Sylvia Saringer und Meinrad Knapp einsammeln, die zu diesem Zweck in den kommenden vier Wochen durch Österreich touren. Es ist die aufwendigste Informationssendung, die ATV jemals produziert hat. Sie soll einen „Kontrapunkt“ zur ORF-Berichterstattung darstellen, so Bauer.

Denn: „Die im ORF etablierten Elefantenrunden sind eine geschlossene Gesellschaft. Da sitzen die fast immer gleichen Politiker bei den fast immer gleichen Journalisten“, sagt ATV-Nachrichtenchef Alexander Millecker der „Presse“. Er meint, in dieser Konstellation sei es „für Politiker leichter, Fragen zu umschiffen“, als wenn sie von Wählern mit ganz konkreten Wünschen oder Beschwerden konfrontiert werden. Und: Es sei eine „Übung in Demokratie“ für die Kandidaten.

 

Werde ich zweiten Sohn im Irak verlieren?

Die Wurzeln des Formats liegen im US-Wahlkampf. Dort beantworteten 2007 die anfangs acht demokratischen Präsidentschaftskandidaten in Charleston, South Carolina, Videoanfragen von Wählern, die diese im Vorfeld bei YouTube hochgeladen hatten. Im November zogen die Republikaner nach: Dabei wurden die Kandidaten mit etwa 35 Wählerfragen konfrontiert, zu denen sie sich 90 Sekunden lang äußern durften. Die Präsidentschaftsanwärter wurden ausdrücklich darauf hingewiesen, keine ausweichenden Antworten zu geben – auf teils dramatische Fragen: So erzählte ein Mann, er habe bereits einen Sohn im Irak verloren und wolle wissen, ob er noch einen weiteren verlieren werde. Eine an Brustkrebs erkrankte Frau fragte, ob sie bessere Überlebenschancen hätte, könnte sie sich eine Krankenversicherung leisten.

Auch wenn das basisorientierte Konzept von CNN und YouTube im US-Wahlkampf gefeiert wurde, gab es auch kritische Stimmen: Zwar konnte jeder User Fragen bei YouTube hochladen, die Auswahl wurde jedoch von CNN getroffen. Der Nachrichtenkanal wurde später von etlichen Bloggern hinsichtlich seiner Ausgewogenheit kritisiert.

Die Auswahl behält sich freilich auch ATV vor; erste Station seiner Tour ist das Donauinselfest. Wünscht man sich denn auch Juxfragen? Millecker: „Es wird sicher auch Fragen geben, die wir nicht nehmen können – und wollen. Schließlich sind Nationalratswahlen keine Spaßveranstaltung.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2008)