Michael Schade und Rudolf Buchbinder mit Schuberts „Schöner Müllerin“ im neuen Konzertsaal von Grafenegg.
Der Luxus, einen Weltklassepianisten an der Seite zu haben, kann sich rächen, wenn dieser nicht, wie Rudolf Buchbinder, ein Mann ist, der genau zuhört und die Singstimme als Kammermusikpartner behandelt, dessen feinste Regungen aufzunehmen und zu verarbeiten sind.
Michael Schade, der technische Schwierigkeiten nicht einmal zu ahnen scheint, gestaltet Schuberts Zyklus „Die schöne Müllerin“ subtil aus dem Text heraus, sorgt bei Strophenliedern von Phrase zu Phrase für die nötigen Varianten und Nuancen. Buchbinder nimmt sie auf, vermag einheitliches Tempo, sinngebenden Zusammenhalt zu suggerieren, auch dort, wo er mit Rubati behutsam alle Charakterisierungsdetails des Tenors auffängt und in den musikalischen Verlauf einbindet.
Das ist Liedgestaltung von idealem Zuschnitt. Schades Kunst, Melodielinien bruchlos, im Forte wie im Pianissimo gleich ebenmäßig auch in höchste Register zu führen, paart sich mit bemerkenswerter Modulationsfähigkeit. Wo es sein muss, wechselt dem Ausdruck zuliebe die Farbgebung gleich mehrmals innerhalb kürzester Frist – die Musik wird auf diese Weise des Öfteren doppelbödig, es schwingt nebst Liebesfreud und -leid auch eine gehörige Portion Zynismus mit, Angst auch und jene vage, unnennbare Welt in der Welt, die unsre Alpträume gebiert – und den Müllerburschen letztendlich seinen Freitod finden lässt.
Hommage an Christa Ludwig
Der abschließende Dialog mit dem Wasser und Baches Wiegenlied zuletzt klingen bei Schade und Buchbinder geradezu unwirklich schlicht, wirken deshalb, nach allem, was hörend zu erleben war, umso eindringlicher: tönende Ergebung ins Unausweichliche. So viel anrührende Gestaltungskunst ließ niemanden im Auditorium kalt, auch Christa Ludwig nicht: „Der Größten“ widmete Schade ausdrücklich die erste Zugabe, eine selbstvergessen schwebende Gestaltung von „Nacht und Träume“, ehe der „Musensohn“, von Buchbinder mit höchster Virtuosität vorangetrieben, zum Kehraus doch versöhnliche Töne anschlug.
Der ORF hat das Konzert mitgeschnitten. Ein Sendetermin in Ö1 steht jedoch noch nicht fest.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2008)