Der Deutschkurs mit Pinguinfüßen

Wie Schulkinder mit Migrationshintergrund in den Ferien zwei Wochen lang spielerisch Deutsch üben und nebenbei Schwimmen lernen. Oder umgekehrt.

WIEN. Pinguinfüße, sagt Nama nach kurzem Überlegen. Das, was da auf dem Zettel vor ihr abgebildet ist, sind Pinguinfüße. Nicht ganz. „Das sind Schwimmflossen“, sagt Herwig Hammer, der Lehrer, freundlich. „Schwimmflossen“, wiederholt die Zehnjährige.

Nama sitzt gemeinsam mit elf anderen Kindern mit Migrationshintergrund an diesem schwülen Vormittag in der VHS Ottakring. Die Kinder (insgesamt über 90) sollen hier in Kleingruppen ihre Deutschkenntnisse verbessern. Vormittags. Am Nachmittag lernen sie im Jörgerbad Schwimmen. „Ein echter Wiener geht nicht unter“, nennt sich diese von der MA17 geförderte Kurs-Kombination, die der Arbeiterschwimmverein anbietet. Die Eltern zahlen für zwei Wochen nur 30 €. Die Idee entstand, erzählt Organisator Gerd Millmann, als die ASV-Trainer bemerkten, dass viele Migranten-Kinder in den Schwimmkursen kaum Deutsch sprachen.

Wobei die Kinder das Schwimmen als Belohnung für den Unterricht empfinden, so Millmann. „Ich kann schon viel schwimmen“, erzählt Nama begeistert. Ihre Badesachen liegen schon bereit, in ihrem rosa Rucksack, auf dem eine Barbie aufgedruckt ist – mit Schleier.

Lesen fällt noch schwer

Schwimmen, Ferien. Darum geht es auch an diesem Vormittag. Strenger Frontalunterricht sieht anders aus – die Kinder tratschen, laufen hin und her, um Ergebnisse zu vergleichen. Hammer hat Zettel ausgeteilt, auf denen Gegenstände abgebildet sind. Die Kinder sollen die Bilder benennen und die Begriffe in einem Worträtsel finden. „Urleicht, ich hab schon alle Wörter“, sagt Omaima, die neben ihrer Cousine Nama sitzt, und es klingt ziemlich wienerisch. Sprechen klappt bei den meisten gut, so Hammer. „Problematisch sind Schreiben und Lesen.“ Auch das wird hier spielerisch geübt. Es gehe zunächst aber darum, die Kinder zum Kommunizieren auf Deutsch zu bringen. Denn viele würden in den Ferien im familiären Umfeld überhaupt nicht Deutsch sprechen.

Das ist hier anders: Weil die Kinder unterschiedliche Muttersprachen haben, müssen sie auch untereinander auf Deutsch kommunizieren. Nur einmal fallen Omaima und Nama ins Arabische: Sie sind sich nicht einig, woher sie kommen. Marokko, sagt Nama. Ägypten, sagt Omaima. Was sie aber sicher wissen: „Die Hauptstadt von Marokko ist Afrika.“

„Anoush, was ist das?“, fragt Hammer einen dunkelhaarigen Buben, und zeigt auf das Bild eines Badeanzugs. Der zuckt mit den Schultern. „Das ist für Mädchen.“ Und das? „Unterhose“, sagt Anoush. Omaima kichert. „Badehose“, korrigiert sie. „Heißt es die, der oder das Hose?“, fragt Hammer. „Die“, schreien die Kinder. Unterschwellig, so Hammer, werde hier natürlich auch Grammatik vermittelt. „Herr Lehrer“, ruft Anoush. „Ich bin der Herwig“, korrigiert Hammer. Immer wieder.

Nach dem Unterricht geht es mit den Betreuern zum Essen ins türkische Lokal „Etap“, danach zum Schwimmen. Vielleicht sogar mit Pinguinfüßen, glaubt Nama.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2008)

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