Unter meinen liebsten Glossen sind solche, die ich dann doch nicht geschrieben habe.
Z.B. eine ganz besonders scharfe, die vor drei Jahren beinahe erschienen wäre, rechtzeitig vor dem ersten Schultag meines Sohnes. Denn um die Schule ging's resp. um deren Beginnzeiten. Und es hätte sich ungefähr so gelesen:
Welche Zumutung, welche kulturfeindliche Barbarei, dass man mitten im Abendland behördlich gezwungen wird, den allerletzten Rest seiner Bohemien-Existenz aufzugeben und um der Schule willen zu nachtschlafender Zeit aufzustehen! Wer wundert sich da noch, dass immer mehr Angehörige der gebildeten Schichten die Fortpflanzung verweigern? Dass andererseits die Stimme der Eltern im nächtlichen Diskurs fehlt? Überall wird zwanghaft flexibilisiert, nur die Schulen beginnen gnadenlos um acht!
Ja, so hätte ich gewütet. Zwei Wochen später hätte ich mich bereits sanfter ausgedrückt, und Ende Oktober war mein Ärger komplett verflogen und einer milden, gelassenen Morgenstimmung gewichen. Denn ich hatte die Früh entdeckt, den Sonnenaufgang, das Morgenrot. Tatsächlich: Das österreichische Schulsystem hat mich mit sanftem Zwang zum Morgenmenschen gemacht, und ich bin ihm dankbar dafür.
Es entspricht der Würde eines im fünften Lebensjahrzehnt stehenden Mannes auch mehr, frühmorgens eine kleine Kaffeehaustour zu absolvieren und vielleicht einen kleinen Braunen (keinen Café Latte, hier ist von Würde die Rede!) über den Durst zu trinken, als nach Mitternacht von Lokal zu Lokal zu ziehen.
Und das „Clock“-Gen? Sagen uns die Genetiker nicht, dass eine einzige Base dieses Gens – Cytosin oder Thymin – prägt, ob ein Mensch lieber mit den Hühnern aufsteht oder, wie die Berliner sagen, bis in die Puppen schläft? Kann schon sein, aber 1) kenne ich mein „Clock“-Gen nicht persönlich, und 2) kann man ja auch ein bisschen gegen das Diktat der Gene aufbegehren. Zum Beispiel, indem man sich, Cytosin hin, Thymin her, darüber freut, dass man ab 1.September wieder um sieben Uhr aufstehen muss, nein: darf. Guten Morgen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2008)