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Fassade mit Tiefgang

Galerie. Eine Gruppenausstellung bei Grita Insam zeigt gar nicht oberflächlichen Künstlerblick auf Oberflächen.

Die philosophische Trennung von Wesen und Erscheinung basiert auf der Annahme, dass es unter der Oberfläche der Dingwelt etwas gibt. Was aber, wenn dieses Etwas Fiktion ist? Wenn die Dinge mit ihrem Äußeren ident sind? Dann wäre die Welt durch reinen Schein bestimmt und die Suche nach einem verborgenen Sinn eine Reise in den Wahn. Mit ihrer Sommerausstellung „En Face/Surface“ spürt die Galerie Grita Insam künstlerischen Ausdrucksformen nach, die auf unterschiedlichste Weise die Außenseite der Objektwelt in den Vordergrund rücken.

Von architektonischen Räumen und Strukturen zum Beispiel: José Manuel Ballester fokussiert in seiner großformatigen Fotografie eine Ikone der brasilianischen Architekturmoderne: das 1951 von Oscar Niemeyer entworfene, 1966 fertiggestellte Edificio Copan in São Paolo. In den über 1000 Wohnungen leben etwa 5600 Menschen. Ballesters Arbeit verdeutlicht die Schönheit der kleinteiligen Fassade ebenso wie die sozialen Problematiken eines derartigen Projekts (8200€). Sabine Bitter und Helmut Weber schaffen einen Dialog zwischen Sprachlichem und Visuellem, indem sie Zitate berühmter Architekten codieren und aus diesem Textbild eine Luftaufnahme des Amsterdamer Stadterweiterungsprojekt Bijlmermeer formen. Eric Glavin holt die Architektur auf den Schreibtisch zurück, wenn er, ausgehend von Fotos, Gebäudefassaden als Computerdateien abstrahiert.

 

Malen mit heißen Kochtöpfen

Andere Künstler widmen sich der Oberfläche des künstlerischen Ausgangsmaterials: Anstelle klassischer Bildträger wie Leinwand oder Papier experimentiert Tom Benson in seinen monochromen Bildern mit Alu-Platten oder Plastikfolien. Auch Fernanda Gomez' Rauchbilder weichen von der herkömmlichen Fumage mit Kerze oder Öllampe ab. Sie „malt“ mit heißen Kochtöpfen (3000€). Mit Nadelstichen oder Hämmern bearbeitet Tania Kitchell weißes Papier und Martin Walde lädt dazu ein, Papier zu zerkauen und an die Fensterscheibe zu spucken.

Geisterhafte Gestalten blicken uns bei Peter Sandbichler und Benjamin Cottam an: Während Sandbichler Porträts von Journalisten oder Politikern, die das Recht auf Meinungsfreiheit mit dem Leben bezahlten, in Regalböden stanzt, sind Cottams Figuren nur unter speziellem Lichteinfall auf der schwarzen Farbschicht wahrnehmbar (4500€).

Haut als Körperfassade ist Thema in Gabi Trinkhaus' Collagen aus Magazinseiten und in Angelika Krinzingers Fotografien von Körperfragmenten. Andere Beiträge kommunizieren direkt mit dem Betrachter: So etwa Sigrid Kurz' auf Spiegelfolie notierte Fragen oder Stefan Sandners auf die Leinwand übertragene Post-It-Notiz „See me before you go!“ (11.000€). Die Oberfläche der Dinge sei unerschöpflich, meinte einst der Italienische Schriftsteller Italo Calvino. Und das, was darunterliegt, offensichtlich auch.

ZUR AUSSTELLUNG

„En Face/Surface“ läuft noch bis 5.9. in der Galerie Grita Insam, An der Hülben 3, Wien 1. Di.–Fr. 12–18 Uhr. Die Gruppenausstellung ist eine Zusammenarbeit mit acht Galerien, darunter Hohenlohe, Kargl, Krinzinger, Layr Wüstenhagen. Unter den 24 Künstlern befinden sich u.a. Peter Weibel, Fabian Seiz, Gabi Trinkaus, Martin Walde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2008)