Agavenabsatz und Tulpengriff: Die blumigen Schuhe und Taschen von Michel Tcherevkoff eignen sich nicht zum Tragen. Dafür aber umso besser zum Fantasieren und Träumen.
Dinge zu fotografieren, die es schon gibt, hat ihn nie interessiert. Michel Tcherevkoff schafft lieber seine eigene Realität – auch wenn die mitunter ziemlich unwirklich anmutet. Diese unwirkliche Wirklichkeit irritiert und verzaubert gleichermaßen, ist doch für den Betrachter zunächst unklar, wie die floralen Schuhe und Taschen Tcherevkoffs entstanden sind. Wurden da wirklich schmale Blätter zu einem Schaft geflochten, kringeln sich echte Tulpenblätter zu einem High Heel zusammen? Baute der Fotograf tatsächlich drei unterschiedlich geschnittene Agavenblätter zu einem sommerlichen Pantoffel zusammen oder half da nicht doch die digitale Bildbearbeitung mit?
Callagriff und Blattbordüre. Angefangen hat die Arbeit an den märchenhaften Modeaccessoires mit einem Foto von einem Bananenblatt, das Tcherevkoff bei einem seiner Shootings verwendet hatte. Er dachte sich: „Das Blatt sieht ja aus wie ein Schuh.“ Mit seinem Bildbearbeitungsprogramm ergänzte er das Blatt um einen passenden Absatz, schnitt da und dort etwas ab und fügte Elemente hinzu – fertig war der „Prototyp“, wie Tcherevkoff seine Modelle nennt, ganz wie ein echter Schuhdesigner.
Auf dem Blumenmarkt in der Nähe seines Ateliers kaufte er nach den positiven Reaktionen auf den ersten Schuh haufenweise Blätter und Blüten. Er bog und knickte, wickelte, webte und flocht sie ineinander. Schließlich fotografierte er diese Elemente aus verschiedenen Winkeln und begann zu entwerfen. An seinem Computer schrumpfte er bestimmte Teile oder schnitt manche zurecht, andere wiederum vergrößerte er, damit sich Schaft und Sohle, Henkel und Riemen ineinander fügten – alles in digitaler Form. So entstanden vier Kollektionen von High Heels, Pantoffeln oder Stiefeln, von Umhängetaschen, Shoppern oder Balltäschchen. Zu fast jedem Schuh entwarf Tcherevkoff die passende Tasche, seine Ansprüche erlaubten pro Objekt lediglich eine Pflanzenart. Einen unvoreingenommenen Blick auf die Natur hat Tcherevkoff schon längst nicht mehr: „Wenn ich eine Pflanze sehe, sehe ich einen Schuh.“
Shoe fleur – a footwear fantasy
von Michel Tcherevkoff und Myrna Kresh. Bisher nur auf Englisch, zu bestellen um rund 30 Dollar auf www.amazon.com