S7-AUA: „Wir würden einander optimal ergänzen“

Vladislav Filev
Vladislav Filev(c) Eduard Steiner
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Vladislav Filev, Chef der russischen Fluglinie S7, will die AUA, um Druck auf Aeroflot zu machen.

Die Presse: Sie haben Interesse an der AUA bekundet, aber noch kein Angebot abgegeben. Werden Sie es tun?

Vladislav Filev: Offiziell hat die Prozedur des Tender noch nicht begonnen. Deshalb konnten wir das Angebot noch nicht legen. Sobald der Tender offiziell beginnt, werden wir gemäß der Prozedur anbieten. Das Interesse haben wir schriftlich bekundet.

Die Einreichfrist endet bald. Auch Ihr Konkurrent Aeroflot hatte Interesse bekundet. Dann war das Interesse aus unerklärten Gründen wieder weg. Manche Beobachter meinen, Aeroflot würde nur PR-Aktionen machen. Ist es Ihnen ernst?

Filev: Im Unterschied zu Aeroflot haben wir kein entwickeltes Streckennetz für die Flüge ins Ausland. Dadurch verlieren wir einen bestimmten Anteil der Passagiere an Aeroflot. Um hier konkurrieren zu können, brauchen wir einen freundlichen und normalen Partner. Wir brauchen einen Partner wie die AUA mit ihrem Streckennetz, das in der Größe zu uns passt.

Für Sie ist es also dringlicher als für Aeroflot, auf den westlichen Markt zu kommen?

Filev: Ja. Als ich vor zehn Jahren Direktor wurde, hat der russische Luftverkehr etwa 20 Millionen Passagiere befördert, von denen fünf Millionen international flogen. Inzwischen werden 47 Millionen befördert, und knapp die Hälfte davon fliegt ins Ausland. Die Anzahl der Leute, die nach Europa fliegen, korreliert weitgehend mit der Anzahl der Leute, die einen ausländischen Pass haben, und zwar etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Jährlich werden zwei bis drei Mio. neue Auslandspässe ausgegeben. Das bedeutet, dass sich in den nächsten fünf Jahren die Anzahl der Passagiere ins Ausland verdoppelt. Im Inland ist S7 die stärkste Fluglinie, der internationale Markt ist unsere schwache Seite.

2007 haben Sie gesagt, Sie wollen sich erst auf den Inlandsmarkt konzentrieren, der schnell wächst und mit seinen Turbulenzen bald viele Übernahmemöglichkeiten bieten wird. Warum der Schwenk?

Filev: An der Konzentration auf den Inlandsmarkt ändert sich nichts. Weil wir aber ein Netzunternehmen geworden sind, können wir Kunden haben, die auch ins Ausland fliegen. Bisher verlieren wir sie an Aeroflot. Wir sind gezwungen, um diese Leute mit Aeroflot und Lufthansa zu konkurrieren. Unser einziger vernünftiger Zugang zu Europa ist heute Frankfurt. Wahrscheinlich könnte er besser sein, wenn wir uns mit Lufthansa auf vernünftige kommerzielle Bedingungen hätten einigen können. Das ist aber nicht gelungen.

Warum nicht?

Filev: Die Partnerschaft hat einfach nicht geklappt. Die erste Vereinbarung mit Lufthansa haben wir 2005 unterschrieben. Faktisch funktioniert sie nur eingeschränkt. Unserer Ansicht nach benimmt sich Lufthansa nicht wie ein Partner, sondernwie Aeroflot. Beide berücksichtigen die Interessen des Gegenübers nicht.

Was ist beim Bieten um die AUA Ihr Vorteil gegenüber der Lufthansa?

Filev: Was die Österreicher von den Deutschen bekommen, ist in etwa klar. Nehmen Sie Swiss. Sie hat von Lufthansa eine Drittelung der Flotte erhalten, weil die Lufthansa ihren eigenen Verkehr gesichert hat. Bei uns ist es umgekehrt, wir brauchen das Verkehrsaufkommen des Partners – und schaffen einen für ihn. Es wäre eine gegenseitige Ergänzung auf gleichwertiger Ebene – und eine Verstärkung für beide.

Wie stehen Ihre Chancen?

Filev: Weiß ich nicht. Angesichts der jetzigen Konfliktsituation mit Georgien und dem Westen nicht sehr groß. Der Konflikt stört riesig.

Wenn wir die Politik außer Acht lassen: Wie wäre dann die Chance?

Filev: Das Potenzial der Partnerschaft zwischen S7 und AUA ist ungemein hoch. Das ist genau der Grund, weshalb wir entschieden, dass wir es probieren können. Wir ergänzen einander.

Ist die Skepsis im Westen gegenüber russischen Firmen gerechtfertigt?

Filev: Ich bin mir bewusst, dass Russland mental kein Teil von Europa ist. Wir haben eine andere Ethik, andere Lebensbedingungen. Wir sind oft emotioneller und weniger rational als der Westen. Das Leben auf dem großen Territorium prägt die Psyche. Aber es gibt zwei Länder, die Russland potenziell gut verstehen: Frankreich, das immer gut in Russland repräsentiert war, und Österreich. Österreich verstand sich immer als ein Land, das den Osten und Westen zusammen spannt.

Wenn der Deal mit der AUA nicht funktioniert, werden Sie in nächster Zeit ein anderes Objekt suchen? Die tschechische und serbische Linie sind aktuelle Kaufobjekte.

Filev: Serbien liegt nicht günstig. Für uns passender wäre ein Unternehmen, das zwischen Europa und Russland liegt. Tschechien ist in diesem Sinn zutreffender. Aber Czech Airlines löst unser Problem nicht, denn sie hat ein unzureichend entwickeltes Streckennetz.

Auch Air Berlin war zwischendurch schon mal als Objekt für Investoren im Gespräch. Berlin als Hub?

Filev: Geografisch würde er als Hub funktionieren. Hinsichtlich Partnerschaft ist es attraktiv. In jedem Fall werden wir in dieser Transportnische weiterhin teilnehmen.

Die Sperrminorität bei Ihnen hat der Staat. Andere Firmen erzählen von der Inkompetenz der staatlichen Vertreter im Unternehmen. Welche Erfahrungen haben Sie?

Filev: In zehn Jahren ist das Unternehmen von 550.000 Passagieren 1997 auf fast sieben Millionen 2008 gewachsen. Wir können also mit dem Staat arbeiten. Wiewohl ich nicht mit allen seinen Positionen einverstanden bin. Aber ich kann sagen: der Staat ist in wirtschaftlichen Fragen weitaus pragmatischer geworden.

Stimmen Sie Ihre Expansionsvorhaben mit dem Staat ab?

Filev: In dem Fall rede ich mit dem Staat nur über Geld. Es gibt ein Gesetz, nach dem der Staat im Unternehmen gewöhnlicher Aktionär ist und keine Sonderrechte hat.

Der Staat ist aber auf dem Flugsektor stark präsent und breitet sich mit Rostechnologii weiter aus. Und das vor dem Hintergrund, dass Staatsbetriebe ineffizienter arbeiten.

Filev: Ja. Wir bedienen unsere sieben Millionen Passagiere mit etwas mehr als 2500 Mitarbeitern. Aeroflot bedient seine 8,5 bis 9,5 Millionen mit 15.000 Mitarbeitern. Wir sind also effizienter. Was die Präsenz des Staates in der Wirtschaft betrifft: So ist das Leben. Ich denke, der Markt ist so groß, dass sowohl für uns wie auch für Aeroflot genug Platz da ist. Das Wachstum ist riesig und wird mehr durch die unterentwickelte Infrastruktur als durch die Konkurrenz zwischen den Unternehmen beschränkt werden.

Zur Person

Vladislav Filev (45) ist seit zehn Jahren Chef der Fluglinie S7 (zuvor „Sibir“). Die „S7 Group“ gehört der Familie Filev, die Aktien sind allesamt auf seine Frau Natalija registriert. [Eduard Steiner]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2008)

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