Autosalon Moskau: Russland macht dem Autobusiness Beine

(c) AP (Misha Japaridze)
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Noch folgt der russische Automarkt eigenen Gesetzen. Weil er wächst wie kein anderer in Europa, passen sich die Hersteller gerne an. Mazda prescht auf dem Salon mit einer Weltpremiere vor.

Der „Sohn der Stadt Moskau“ hat seine Heimat verloren: Selbst in Moskau sieht man einen Moskwitsch nicht mehr an jeder Ecke. Das Verkehrsgeschehen wird von mehr oder minder anonymer Einheitsware aus Fernost dominiert. Japan hat mit seinem guten Ruf praktischer und zuverlässiger Autos ein gutes Drittel des Importmarkts in der Hand.
Eine Marke wie Mazda kannte man hier schon, als der Hersteller offiziell noch lachhafte Stückzahlen absetzte. Inoffiziell kamen aber schon lange massenhaft Gebrauchte aus dem japanischen Markt ins Land, und die hielten und fuhren auch ohne Servicewerkstätten. So etwas macht Eindruck hier, wo Liegenbleiben vielleicht noch ein bisschen ärgerlicher sein kann als anderswo. Heute hat Mazda längst eine eigene Importgesellschaft errichtet, und der größte Händler vor den Toren der Stadt läuft mit 10.000 verkauften Autos 2007 schon als größter Mazdahändler der Welt.

Es kommt noch besser

Und der Markt ist nicht nur für Mazda der größte in Europa. Das Beste an den imposanten 3,7 Millionen Stück, die heuer verkauft werden, sind aber die vielen Russen, die noch kein Auto haben: Der Motorisierungsgrad ist im EU-Vergleich ärmlich, weiteres Schnellwachstum ist praktisch unausweichlich. Die Lieblingsfarbe ist Schwarz (gern sind auch alle Scheiben verdunkelt), das beliebteste Pkw-Format ist die klassische Stufenhecklimousine von Ford Focus (Platz 1) bis Mitsubishi Lancer (Platz 12). Rasant wachsen die SUV, die im Straßenalltag zweifellos die Idealbewehrung darstellen, doch nicht jeder, entgegen landläufigen Klischees, fährt Hummer oder Cayenne. Kompakte, leistbare SUV sind so gefragt, dass Mazda anlässlich der Moskau Auto Show ein eigenes Modell konzipierte.

Der Kazamai nimmt sich zwar noch etwas vage aus in seinem Glitzerkostüm und mit 22-Zoll-Rädern, doch Derartiges, verheißt Mazda, wird definitiv bald auf die Straßen des Landes rollen. Davon wird der Rest der Welt freilich nicht ausgeschlossen bleiben.

In Österreich dagegen braucht man den Mazda CX-9 nicht erwarten, einen Full-Size-SUV, dessen Ausmaße für die Weite des Landes und seine geschäftlichen Möglichkeiten gerade recht sind.

Weniger weit her ist es mit der Infrastruktur, die der großen Mobilmachung des Landes hoffnungslos hinterherhechelt. Zwar sind Russlands Städte vielfach imperial angelegt, und auch im Zentrum von Moskau kann es auf vier Spuren in jeder Fahrtrichtung flott dahingehen. Doch Flaschenhälse wie einspurige Zubringer zaubern im Nu fabelhafte Staus hervor, am Straßenrand röchelnde Lkw aus der Frühgeschichte der Motorisierung tun ein Übriges.

Der Verkehr in und außerhalb der Stadt läuft dennoch erstaunlich geordnet ab, und die Polizei ist bereits sichtbar dabei, dem Guerilla-Parken ein Ende zu bereiten. Abstandhalten gilt als Vergehen und regelrechte Provokation, und wann immer sich ein Einsatzwagen eine Schneise durch das Blech schlägt, hängen sich so lange Autos an, bis einer beherzt die Türe zumacht. Gehupt wird weniger als in Wien, und auch die Luft ist dank fehlender Diesel-Pkw und ihrer Rußfahnen um keinen Deut schlechter als bei uns. Der Legende nach sitzen in schwarzen Mitsubishi Pajeros Auftragskiller, was wir nicht überprüft haben.

Aqua eingeplant

Wohl aber war unserem Taxifahrer einiges an fahrerischem Geschick zu attestieren – dass der überbesetzte kleine Daewoo auf der Eilfahrt zum Flughafen im Regen mehrfach auf dem Wasser surfte statt zu rollen, kratzte ihn kein bisschen (anders als diese ewigen Abstandhalter!).
Was man nicht sieht: Golf, Kombis, Sportwagen – auf der Automesse allenfalls als Kuriosum. So sondierte Volkswagen, ob der Golf nicht vielleicht wenigstens als GTI ein Leiberl hätte. Doch Autos mit großer Heckklappe sind hier dem Gewerbe vorbehalten; alle anderen wollen nicht, dass ihnen der Frost in die Stube fährt, wenn hinten die Klappe aufgemacht wird.

Nur logisch dagegen, hier einem Skoda Superb mit virilem 3,6-Liter-V6 Beine zu machen, für Österreichs Einstiegsdieselgemeinde ein glatter Antichrist. Dass Audi neben dem neuen A6 nun auch den 580-PS-Haudrauf RS6 als Limousine (bislang nur Kombi) vorstellt, bedarf auf diesem Markt keiner weiteren Erklärung. Die Marke liegt hinter Mercedes und Volvo, aber immerhin vor BMW und Lexus.

König der Marken ist Chevrolet (vor Ford), wobei den Korea-Amerikanern auch Derivate aus russischer Produktion zugezählt werden. Was für Moskwitsch und SiL zu spät kam, soll sich für Lada noch ausgehen: Rechtzeitig vor der neuen Abgasnorm Euro4 im Jahr 2010 sollen ausländische Investoren neue Modelle in Stellung bringen. Bis dahin müssen die Helden des Sozialismus auf den Straßen noch durchhalten – für jene, die sich keine schicke Importmarke leisten können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2008)

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