Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Stadtplanung: Der Gürtel nach dem Rotlicht

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
  • Drucken

Zwischen tot und lebendig: 35 Mio. Euro Investitionen brachten dem Wiener Gürtel mehr Szene und verdrängten den Straßenstrich – vom hippen Stadtgebiet ist er allerdings nach wie vor weit entfernt. Ein Überblick.

Den Auftrag am Gürtel habe ich mir zweimal überlegt – wenn in der Gegend was funktionieren soll, muss es ja eine Attraktion sein.“ Auffällig futuristisch hat Chieh-shu Tzou, Wiener Jungarchitekt, das im April eröffnete China-Lokal „Neon“ am Gürtel gestaltet. Warum? Um in der „schwierigen Gegend“, wie er sagt, wenigstens WU-Studenten anzuziehen.

Lieber realisiert Tzou seine Innenausstattungen ja an schickeren Adressen (wie etwa der „Kaffeeküche“ am Schottentor) – seine Skepsis gegenüber dem Gürtel lässt sich kaum überhören. Und tatsächlich: Den entscheidenden Schritt zum reizvollen, hippen Viertel haben die Häuserblöcke um den Westgürtel trotz vieler Initiativen nicht geschafft.

 

Musik statt Straßenstrich

Fortschritte gab es dennoch. Mit 35 Mio. Euro von EU, Stadt und Bund wurden ab 1995 die Stadtbahnbögen saniert, für Lokale nutzbar gemacht. Mit der Musikszene kamen die Menschen, die den Streifen zwischen den beiden Fahrbahnen nächtens mit Leben füllten – und den Straßenstrich, der den Gürtel bis Mitte der Neunziger beherrschte, verdrängten. Verschwunden ist die Prostitution nicht. Sie hat sich in das Innere der Sex-Clubs verlagert. Und wer den Straßenstrich sucht und Richtung äußere Mariahilfer Straße abbiegt, hat ihn schnell gefunden.

Aber zurück zur Szene. Die hat sich bei einem alternativen, studentischen Publikum einen Namen gemacht. Chelsea, B72 und rhiz gelten als authentische Musiklokale, der Abschnitt vom Urban-Loritz-Platz bis zur Alser Straße als attraktive Fortgehmeile. Höhepunkt ist der alljährliche, am Samstag zum elften Mal ausgetragene Gürtel Nightwalk: Dann mutiert dieser Abschnitt zur Partyzone, Livemusik inklusive.

„Hier hat sich seit zehn Jahren eine eigene Szene durchgesetzt“, sagt Nightwalk-Organisator Wolfgang Kopper, „die entgegen aller Befürchtungen relativ friedlich ist.“ Probleme mit Lärm oder Alkohol gäbe es eher im oberen Bereich des Gürtels. Denn während Chelsea & Co. mit Qualität locken, ist es vor allem die Quantität an billigem Wodka, die Diskotheken wie das kju zu beliebten Abfüllstationen für Jugendliche macht – vom „zweiten Bermuda Dreieck“ war sogar schon die Rede. Was das zeigt: Eine einheitlich gelungene Revitalisierung des Gürtels gibt es nicht, genauso wenig wie „den Gürtel“ als homogenen Stadtteil.


Neben der Belebung durch Lokale ging es bei der Revitalisierung vor allem um eine Erweiterung der Radwege und Grünflächen zu Lasten des Autoverkehrs. „Eine positive Wirkung hat es da zweifellos gegeben“, sagt Wohnraumforscher Wolfgang Amann, „aber der Verkehr ist nicht weniger geworden, sondern wurde nur etwas entschleunigt.“ Die Wohnungen direkt an der Verkehrsachse seien nach wie vor kaum begehrt, von einer „trendigen Wohngegend ist man jedenfalls weit entfernt“.

„Der Vergleich eines Verkehrsbands mit einem Wohnquartier für hippe Bevölkerung ist unfair“, kontert Peter Moser von SRZ Stadt + Regionalforschung. Man müsse auch das gesamte Umfeld betrachten, der derzeit gelobte Yppenplatz liege auch in unmittelbarer Gürtelnähe. Die aufstrebenden Schichten würden sich eben ein, zwei Blocks hinter dem Gürtel niederlassen. Hier habe man Ruhe vor dem Verkehr und sei doch nahe an der Lebensader.

Die 21-jährige Chemiestudentin Yelli hat sich aus finanziellen Gründen letztlich doch für eine Wohnung direkt am Gürtel entschieden. Das Preis-Leistungsverhältnis hat sie – wegen der zentralen Lage beim Westbahnhof – überzeugt, mit geschlossenen Fenstern hält sie selbst den Lärm der rund 80.000 Autos pro Tag für erträglich. Allerdings: Die „zwielichtigen Gestalten“ am Mariahilfer Gürtel, die „einen schon oft anbraten“, stören sie. „In der Früh liegt Erbrochenes auf der Straße – da muss noch viel getan werden.“

 

„Gürtel keine Geschäftsstraße“

Beim Handlungsbedarf treffen sich die Ansichten der Studentin und des zuständigen Stadtplaners – wie schnell die Veränderung kommen soll, ist eine andere Frage: „Die Revitalisierung ist ein langwieriger Prozess“, verteidigt Gürtel-Koordinator Wolfgang Sengelin die stockende Weiterentwicklung des Gebiets. „Die große Strategie haben wir nicht – schneller ginge es, wenn man alles wegreißt wie in Peking – aber das ist nun mal nicht der Weg der Stadt.“ Warum man nicht vermehrt um Investoren für Büros und Geschäfte werbe, damit arbeitende, einkaufende und essende Menschen dem Gürtel auch tagsüber Leben einhauchen? „Der Gürtel war nie als Geschäftsstraße geplant.“

Der Architektin Silja Tillner ist es indes gelungen, Investoren von der Errichtung eines Bürogebäudes am Ende des Gürtels zu überzeugen: Das Bürohaus „Skyline“ in der Heiligenstädter Straße ist fast fertig. Tillner selbst hat Glasflächen und Beleuchtung der Stadtbahnbögen entworfen – mit der aktuellen Entwicklung des Gürtels ist sie nicht zufrieden. „Allein das Budget ist ein Problem, weil jetzt statt einer zentralen Stelle (wie während der EU-Förderschiene) wieder die Bezirke verantwortlich sind“. Kein Bezirk wolle an seiner Grenze Geld ausgeben, so Tillner – „so geht nichts weiter, da fehlt der rote Faden“.

Strategie her oder hin: 11 Millionen Euro sollen im Rahmen einer neuen Förderungsschiene bis 2013 in Parks, Tiefgaragen, Lärmschutz und Umbauten fließen. Spektakulärstes Beispiel: Ein Gründerzeithaus am Lerchenfelder Gürtel wird umgewandelt – in ein Passivhaus, das durch Luftschächte von innen belüftet wird, die Fenster zum Verkehr bleiben geschlossen. Sollte sich das Modell als rentabel erweisen, könnten weitere folgen. Und mit ihnen junge Stadtbewohner, für die in den teuer gewordenen Trendvierteln kein Platz mehr ist. Auch eine Attraktion.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2008)