The One

(c) AP (Karl Gehring)

Ein Mann ohne Inhalte. Aber ein Mann mit Eigenschaften. Die charismatische Herrschaft: über das Obama-Gefühl.

Irgendjemand in der Demokratischen Partei hatte ein gutes Gespür. Als vor mehr als einem Jahr die Planungen für den Nominierungsparteitag in Denver begannen, war Barack Obama einer von vielen Präsidentschaftskandidaten – und zweifellos nicht der aussichtsreichste. Hillary Clinton galt als logische Siegerin; John Edwards, der Vizepräsidentschaftskandidat von John Kerry im Jahr 2004, hatte vier Jahre lang Intensivwahlkampf betrieben. Selbst Joe Biden, der jetzt der „Running Mate“ von Obama ist, gab man größere Chancen auf die Nominierung als dem jungen Senator aus dem Bundesstaat Illinois.

Und dennoch war da jemand, der denTag, an dem der offizielle Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei seine Nominierungsrede halten sollte, auf den 28. August legte. Auf genau jenen Tag, an dem vor 45 Jahren Martin Luther King jr. sei-
ne berühmte „I-have-a-dream“-Rede vor dem Lincoln-Memorial gehalten hatte. Symbolträchtiger hätte die Nominierungsrede des ersten afroamerikanischen Präsidentschaftskandidaten gar nicht terminiert werden können.

„Ich habe einen Traum“, hatte King, der damals 34 Jahre alt war, den 250.000 Menschen in Washington zugerufen, „dass eines Tages meine vier kleinenKinder in einer Nationleben, in der sie nichtnach der Farbe ihrerHaut, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden. Ich habe einen Traum, dass diese Nation eines Tages derwahren Bedeutung ihres Bekenntnisses gerecht wird, dass alle Menschen gleich geschaffen sind.“

2008 scheint dieser Traum mit BarackObama Wirklichkeit zu werden. Aber vermutlich nicht einmal in seinen kühnsten Träumen hätte Martin Luther King jr. daran gedacht, dass 45 Jahre nach seiner Rede ein Afroamerikaner laut Umfragen die größten Chancen hat, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden. – Man kann das Faktum gar nicht hoch genug bewerten, dass Barack Obama schwarz ist. Noch nie seit Gründung der Vereinigten Staaten im Jahr 1776 gab es einen nichtweißen Präsidentschaftskandidaten. Es ist nicht lange her – nicht einmal 150 Jahren –, dass Schwarze in den USA als Sklaven gehalten wurden, kaum besser als Vieh. Als King 1963 beim Marsch auf Washington sprach, ging es um die Einforderung einfachster Grundrechte: um die Ausübung des Wahlrechts etwa, oh- ne von Beamten in Alabama und Mississippi mit lächerlichen „Intelligenzfragen“ daran gehindert zu werden; um Zugang zu Universitäten; darum, auch als Schwarzer als Mensch anerkannt zu werden, wie die simple Botschaft „I am a Man“ auf Plakaten forderte. Noch acht Jahre früher, 1955, war Rosa Parks verhaftet worden, weil sie sich geweigert hatte, im Bus hinten zu sitzen.

Nein, man kann dieses Faktum wirklich nicht hoch genug bewerten. Gerade auch in einer Partei, die die Sklaverei verteidigte (die Republikaner waren jene, die gegen die Sklaverei auftraten), die Gesetze zur Rassentrennung durchpeitschte und in der Afroamerikaner bis in die 1930er-Jahre nicht an parteiinternen Vorwahlen teilnehmen durften. Als die Demokraten das letzte Mal in Denver waren, im Jahr 1908, gab es nicht einen einzigen schwarzen Delegierten. „Es hätte gewalttätige Ausschreitungen gegeben, es wäre ein Schock gewesen“, meint der Polithistoriker Richard Wormser auf die Frage, wieman vor 100 Jahren dieNominierung Obamasbeurteilt hätte. – Es trägt zweifellos zur Faszination des Barack Obama bei, dass er Afroamerikaner ist. Aber man wird dem 47-Jährigen nicht gerecht, wenn man ihn auf seine Hautfarbe reduziert.

Man muss den Senator erlebt haben, um die Faszination zu verstehen. Die Menschen werden hysterisch, wenn er die Bühne betritt, wie zu Zeiten der Rolling Stones, als sie noch jung waren. Die Republikaner machen sich über den Personenkult lustig, bezeichnen Obama spöttisch als „The One“ und meinen, er sei nicht viel besser als Paris Hilton, keinesfalls sei er ein seriöser Politiker. Die Kritik hat einerseits damit zu tun, dass man dem Phänomen nichts entgegenzusetzen hat. Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain ist Lichtjahre davon entfernt, auch nur eine annähernd ähnliche Hingabe bei seinen Fans auszulösen. Es ist vermutlich leichter, die Rinderställe des Augias auszumisten, als aus McCain eine Führungspersönlichkeit mit Charisma zu machen.

Andererseits aber schwingt zweifellos die Enttäuschung mit, dass ein Politiker, den vor vier Jahre kaum jemand außerhalb von Chicago kannte, große Chancen hat, im November zum mächtigsten Mann der Welt gewählt zu werden. Dass die jahrzehntelange politische Erfahrung von McCain; die quälenden Jahre, die er in Ausschüssen und bei langatmigen Senatsanhörungen verbrachte; die Energie, die er in die Erarbeitung von Gesetzesvorschlägen steckte; dass all das nicht zählt, sondern schöne Reden und ein lächelndes Gesicht wichtiger zu sein scheinen.

Insofern sei Barack Obama ein typisch amerikanisches Phänomen, meinen Zyniker. Ein Mann ohne Substanz, der lediglich gut aussieht und „cool“ auftritt, wie „Newsweek“ schreibt. Nur in den USA könne jemand so weit kommen, der lediglich von „Wechsel“ und „Hoffnung“ spricht, ohne jemals zu erklären, wie er das Land denn verändern will, und nie ein Neun-, Zwölf- oder 16-Punkte-Programm vorstellt, sondern sichin Allgemeinplätzen ergeht. Ein Politiker, der genau zu der Inszenierung des Parteitages in Denver passte, bei der es nur um TV-Bilder, um Oberflächlichkeiten ging, aber keine politische, inhaltliche Debatte stattfand. Ein Mann ohne Inhalte. Aber ein Mann mit Eigenschaften.

Der deutsche Soziologe Max Weber definierte Charisma in seinem erst nach seinem Tod 1920 erschienenen Buch „Wirtschaft und Gesellschaft“ als „eine Eigenschaft, die jemanden von anderen Individuen unterscheidet und um derentwillen diese Persönlichkeit als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem anderen zugänglichen Kräften als vorbildlich und deshalb als Führer gewertet wird“. Die „charismatische Herrschaft“ sei legitim, solange dieGefolgschaft an die Werte und Tugenden des Charismatikers glaubt und dessen Handeln sich bewährt.

Die USA glauben an die Werte und Tugenden von Barack Obama. Nach acht Jahren George Bush ist das Land verunsichert, angeschlagen und verletzlich. Den Bürgern geht es bei ihrem nächsten Präsidenten nicht so sehr um Erfahrung und kluge Pläne, sondern um Hoffnung. So wie John F. Kennedy in den Sechzigerjahren Zuversicht und Optimismus und Ronald Reagan in den Achtzigerjahren Selbstvertrauen verkörperte, so verkörpert Barack Obama die Hoffnung auf ein besseres Amerika. „Viele Anhänger meinen, allein ihn zu wählen würde schon Berge bewegen, würde das Bild Amerikas in der Welt verändern und ein neues Kapitel in den Rassenbeziehungen aufschlagen“, schreibt das „Time“-Magazin und schlussfolgert: „Er symbolisiert den Wechsel, den sie suchen.“

Zudem verkörpert er den amerikanischen Traum, den immer mehr Menschen in den USA tatsächlich nur noch träumen, nicht mehr leben können. Ein schwarzer Bub, dessen Vater Ziegen hütete, schafft es durch harte Arbeit und Konsequenz vielleicht bis ins Weiße Haus. Das ist der Stoff, aus dem normalerweise tränenreiche Hollywood-Filme gemacht sind, doch hier lebt jemand dieses politische Cinderella-Märchen.

Barack Obama wurde am 4. August 1961 als Sohn eines kenianischen Vaters – „eines Ziegenhirten“, wie Obama dramatisierend betont – und einer weißen Mutter aus Kansas in Honolulu auf Hawaii geboren. Sein Vater verließ die Familie, als Barack („gesegnet“, auf Arabisch) zwei Jahre alt war, um in Harvard zu studieren. Nur noch einmal, im Alter von zehn Jahren, sah Barack seinen leiblichen Vater. Er starb 1982 bei einem Autounfall. Baracks Mutter heiratete erneut und zog1967 nach Indonesien,wo er bis zu seinemzehnten Lebensjahr aufwuchs. Barack Obamakehrte 1971 nach Hawaii zurück und lebte bei seinen Großeltern. SeineMutter starb 1995 anKrebs. In seiner Schulzeit sei er „nicht sehr ehrgeizig“ gewesen, erzählt seine Halbschwester Ma-
ya Soetoro-Ng (insgesamt hat Obama sieben Halbschwestern und -brüder). Er sei nicht Klassenbester gewesen, wollte auchnicht an der Schülervertretung teilnehmen. „Er wollte bei seinen Freunden sein, Basketball spielen, surfen und viel, viel essen.“ Kein Wunder, nach gebratenen Heuschrecken in Indonesien.

Nach der Highschool studierte „Barry“, wie sich Barack Obama damals nannte, erst in Los Angeles, später an der angesehenen Columbia University in New York, von der er einen Abschluss in Politikwissenschaften mit Schwerpunkt auf internationalen Beziehungen hat. Er war angeblich ein leidenschaftlicher Pokerspieler, perfektionierte sein Baskeballspiel (während der Vorwahl machte er es zu einem guten Omen, an jedem Wahltag mit Mitarbeitern Basketball zu spielen) und hörte „Earth, Wind & Fire“. Nach vier Jahren New York zog er nach Chicago, um als Betreuer für eine gemeinnützige religiöse Organisation zu arbeiten, die sich um die Bewohner armer Stadtviertel kümmerte. 1988 begann Obama ein Jusstudium an der Harvard Law School. Schon nach zwei Jahren wurde er als erster Afroamerikaner Herausgeber der prestigereichen Rechtszeitschrift „Harvard Law Review“, was ihn erstmals US-weit in die Medien brachte.

Beim anderen Geschlecht hatte er nicht so viel Erfolg: Während des Studiums bewarb er sich für einen Pin-up-Kalender, wurde aber von der weiblichen Jury abgelehnt. „Gott sei Dank“, meint er heute.

Er graduierte in Harvard „magna cum laude“, schlug in der Folge alle hoch dotierten Angebote von Anwaltskanzleien aus und arbeitete stattdessen für eine kleine Kanzlei in Chicago, die sich auf Bürgerrechte spezialisierte. Bis zu seiner Wahl in den US-Senat 2004 unterrichtete er zudem Verfassungsrecht an der Universität von Chicago. 1992 heiratete er Michelle, mit der er zwei Töchter hat, denen bei ihrem Auftritt beim Parteitag in Denver das Auditorium zu Füßen lag: Malia Ann, zehn Jahre, und Sasha, sieben Jahre. – Nebenbei arbeitete Obama stets für gemeinnützige Organisationen, vor allem in der armen, von Afroamerikanern dominierten South Side. Dort begann er 1996 auch seine politische Karriere: als er in den Staatssenat von Illinois gewählt wurde. Er galt als hart arbeitender Politiker, der sich vor allem für die Benachteiligten einsetzte und erhöhte Kinderbeihilfen, Steuererleichterungen für Menschenmit geringem Einkommen und Gesundheitsvorsorge für Arme realisierte. Sein relativer Erfolg in der kleinen Senatskammer stieg ihm aber zu Kopf, und gegen die Empfehlung vieler Berater kandidierte er im Jahr 2000 für das Repräsentantenhaus in Washington. Er ging schon in der demokratischen Vorwahl in einer gigantischen Niederlage unter.

„Das war das Beste, was ihm passieren konnte“, analysierte das Magazin „New Yorker“ in einer bemerkenswerten Geschichte über seine Jahre in Chicago. Damals habe Obama gelernt, dass er nicht der Kandidat für die South Side sei. „Die Kampagne, die er hier führen musste, ist nicht Barack Obama.“ Man habe nur mit afroamerikanischen Anliegen reüssieren können, und mit denen sei Obama nicht angetreten.

Diese Lektion hat ihm möglicherweise jetzt zum Sieg bei den Vorwahlen für das Präsidentenamt geholfen. Denn er machte nicht die Fehler, die andere afroamerikanische Politikern vor ihm machten: Jesse Jackson etwa, der sich 1984 und 1988 für die demokratische Präsidentschaft bewarb, aber unterlag. Jackson setzt sichfür mehr Förderungenfür Afroamerikaner einund forderte Reparationszahlungen für dieSklaverei. Das kam vielleicht bei Schwarzen gut an, verschreckte jedoch weiße Wähler. Obamadagegen positioniert sich neutral, lehnt Wiedergutmachungszahlungen strikt ab und las derafroamerikanischen Gemeinde sogar die Leviten, als er von ihr mehrPrivatinitiative forderte.Für diese Politik muss er sich den Vorwurf anhören, „nicht schwarz genug“ zu sein, was beiweißen Wählern im Süden der USA nicht un-
bedingt ein Nachteil ist. Sein kometenhafter Aufstieg begann im Jahr 2004 beim demokratischen Parteitag in Boston, bei dem der farblose John Kerry zum Präsidentschaftskandidaten gekürt wurde. Barack Obama war der „Keynote-Speaker“: 17 Minuten lang stand er auf der Bühne, aber diese 17 Minuten elektrifizierten Zehntausende Zuhörer und zerstörten vier Jahre später Hillary Clintons Träume von einer Präsidentschaft.

„Es gibt“, rief Obama damals in den Saal, „kein liberales und kein konservatives Amerika, es gibt kein schwarzes und kein weißes Amerika, es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika!“ In einer Zeit, in der die Wiederwahl von George Bush das Land spaltete wie vielleicht zuvor nur der Vietnam-Krieg, hörte man diese Botschaft der Einheit gern.

Wenn man diese Woche beim Parteitag in Denver mit Delegierten sprach, nannten die meisten die Rede als den Grund, warum sie Obama unterstützen. „Er hat mich damals begeistert, seither glaube ich an ihn“, erzählte Mary Davis, die aus Kalifornien angereist war. „Als Präsident wird er unser Leben besser machen.“

Der Glaube, dass mit einem Präsidenten Obama alles besser wird, ist der Grund, warum Erfahrung in diesem Wahlkampf nur am Rande zählt. Bei seinem Slogan „Changewe can believe in“ gehe es nicht um das Wort „change“, meinte „Time“, sondern um das Wort „believe“. Wie einst bei Kennedy geht es um das Gefühl, das der Kandidat vermittelt. Das Gefühl, dass alles besser wird. Und das ist zugleich Obamas größte Gefahr: „Bleibt die Bewährung dauernd aus, zeigt sich der charismatische Begnadete von seinem Gott oder seiner magischen oder Heldenkraft verlassen, schwindet seine charismatische Autorität“, schreibt Max Weber. Der republikanische Stratege Mark Salter drückt es weniger wissenschaftlich aus: „Wenn sie merken, dass er auch nur ein Mensch ist, gibt es ein hartes Erwachen.“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2008)