Es geht auch andersrum: Hao aus China, Kae aus Bangkok und Ibuki aus Japan kamen dank AFS ins geheimnisvolle Österreich. Ihre Gasteltern erinnern sich.
Wien. Eveline Schwartz war schon leicht verzweifelt. Ihr Gastkind wusste alles – nur mit sich selbst anzufangen wusste Hao nichts. Zu Hause in Shanghai ging er von sieben in der Früh bis neun am Abend in die Schule, nur Sonntag Vormittag hatte er frei. Hier in Villach kam der blitzgescheite Bursche schon zu Mittag aus dem Unterricht zurück, machte nach dem Essen in Windeseile seine Aufgaben und meldete stolz: „Ich bin fertig“. Doch was nun?
Wenn man ihn beschäftigte, gab der 17-Jährige auch in seiner plötzlich großzügig bemessenen Freizeit sein Bestes: als Kärntner Teilnehmer bei der Mathematik-Olympiade, als Leichtathletik-Turner, im Musikunterricht. „Doch mein Mann und ich sind berufstätig, wir konnten nicht ständig etwas organisieren“, seufzt Schwartz. Die Folge: Hao setzte sich vor den Fernseher und schaute Fußball, viele Stunden lang.
„Er hat nie einen Freund eingeladen und wollte nie zu einem gehen“, wundert sich die Gastmutter noch heute. Wenn sie Hao dazu animierte, mit Schulkameraden am Abend wegzugehen, meinte er nur: „Nein danke, die trinken immer so viel“. Doch dann kam die Fußball-EM mit dem Public Viewing, wo er auf gleichaltrige Fans traf, und der Bann war gebrochen. Mit Null Deutschkenntnissen war Hao angereist, nickte immer, auch wenn er gar nichts verstand. „Doch zum Schluss hatte er sogar ein wenig von unserem Schmäh drauf – und das im Kärntner Dialekt! Er wollte gar nicht mehr nach Hause“, freut sich Schwartz über ein interkulturelles Happy End.
„Die Wiener schauen so böse“
Ibuki aus Japan hingegen blieb bis zum Schluss seines Österreich-Schuljahres brav, schüchtern und ein wenig ängstlich. Der 16-Jährige war bei Familie Pany in Leobersdorf zu Gast.
Dabei tauchte auch er tief ein ins niederösterreichische Leben: „Er ist mit meinen beiden Buben in den Pfarrhof zur Ministrantenstunde gegangen, hat Geige gespielt, in einem Chor gesungen“, erzählt Elfriede Gössl-Pany. „Jeden Tag hat er seine Schuhe gewaschen, bis sie kaputt waren. Das war ein Fimmel von ihm. Er konnte sehr gut Deutsch, war gut in der Schule. Aber selbstbewusster ist er auch bei uns nicht geworden. Ganz anders die Thailänderin Kae. „Sie war für ihre 16 Jahre ganz schön kritisch“, schwärmt Gastvater Stephan Lanner aus Wien. In ihrer Eliteschule in Bangkok litt sie darunter, dass sie rund um die Uhr Dinge auswendig lernen musste, die ihr die Lehrer, unantastbare Respektspersonen, vorgekaut hatten. „Entsprechend relaxed hat sie den Unterricht in Österreich erlebt“, erzählt Lanner. Nur die Wiener in der U-Bahn machten Kae anfangs richtig Angst: „Die schauen immer so böse.“ Der grassierende Grant war ein Kulturschock für das Mädchen aus Thailand, „wo jeder lächelt, egal, ob man jemandem auf die Zehen steigt oder einem selbst auf die Zehen gestiegen wird“.
Das wusste Stephan Lanner schon vorher – er hatte sich prophylaktisch in die asiatische Kultur eingelesen. „Trotzdem hat uns vieles überrascht. Es wurde ein spannender Lernprozess. Wir sahen im Spiegel eines fremden Mädchens, wie anders wir für sie sind.“ Auch Eveline Schwartz fühlt sich bereichert: „Ich hatte mich nie mit Asien auseinander gesetzt. Jetzt ist das Interesse da. So bald wie möglich werden mein Mann und ich nach China reisen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2008)