Vom Ziel, eine wirtschaftliche Großmacht zu sein, ist Russland noch weit entfernt. Der Durchschnittslohn liegt bei 476 Euro. Für die Modernisierung der Industrie ist das Land auf westliche Hilfe angewiesen.
Moskau.Wenn Russland auf der Weltbühne auftritt, dann im großen Stil. Russland liebt es nicht nur, seinen wirtschaftlichen Expansionsdrang durch oligarchische Zukäufe im Ausland staatstragend zu zelebrieren, es sorgte zuletzt auch außenpolitisch und militärisch für Paukenschläge, wie der Sieg im Krieg mit Georgien gezeigt hat. Doch von einer ökonomischen Großmacht ist das Land noch weit entfernt.
Hinter den Rankings der Dollarmilliardäre, von denen es in Moskau mehr gibt als in New York, verbirgt sich ein anderes Russland, das noch einen steilen Weg vor sich hat. Der Anteil der Bevölkerung, der unter dem Existenzminimum (110 Euro) lebt, wurde in den vergangenen Jahren halbiert, liegt aber immer noch bei 14,4 Prozent.
Der offizielle Durchschnittslohn hat sich vervielfacht, beträgt aber erst bescheidene 476 Euro. Die Preise sind schneller gestiegen als der Lohn. Die Inflation ist nicht in den Griff zu kriegen, für heuer sind 14 Prozent prognostiziert.
Industrie ist abgenutzt
Im Korruptionsranking von Transparency International ist Russland weltweit auf Platz 143 abgesunken. Seit 1996 ist die Bevölkerung um sechs Millionen auf 142 Millionen geschrumpft. Die Geburtenrate bleibt niedrig, bei Männern liegt die Lebenserwartung bei unter 60 Jahren.
Vor allem aber machen die überbordenden Machtdemonstrationen leicht vergessen, dass die von der Moskauer Regierung viel bemühte Modernisierung des Landes erst am Anfang steht: 46,3 Prozent betrug der Abnutzungsgrad der Maschinen und Anlagen in der Wirtschaft 2007, vermeldet das Statistische Jahrbuch. 2004 waren es 42,8 Prozent.
Die Tendenz ist in den meisten Sektoren steigend. Dazu kommen die regionalen Unterschiede: „In manchen Regionen beträgt der Abnutzungsgrad etwa in der Bauindustrie über 70 Prozent“, eruierte die deutsche Bundesagentur für Außenwirtschaft.
Der Investitionsbedarf ist daher immens. Um etwa eine zuverlässige Stromversorgung zu gewährleisten, müssen in den nächsten drei Jahren 70 Mrd. Euro investiert werden, errechnete der eben aufgelöste Monopolist RAO EES. Den Investitionsbedarf in Wasserversorgung und Kanalsysteme beziffern Experten ebenso auf 70 Mrd. Euro. Bis 2030 will der russische Bahnkonzern RSchD rund 370 Mrd. Euro in die Modernisierung und den Ausbau des zweitgrößten Schienennetzes der Welt pumpen. Und für die Erweiterung und Erneuerung der Straßen braucht es laut Wirtschaftsministerium jährlich 40 Mrd. Dollar.
Westliches Know-how fehlt
Ohne ausländische Investitionen wird die Modernisierung im größten Land der Erde nicht zu stemmen sein. „Öl und Gas kann man auch ohne Freundschaft mit dem Westen verkaufen“, schreibt das russische Wirtschaftsmagazin SmartMoney: „Eine andere Sache ist, wenn man mehr will. Nanotechnologie einzuführen und MBA-Schulen zu bauen, gelingt in der belagerten Festung nicht.“
Geld sei auf Grund der riesigen Öl- und Gasreserven vielleicht genug vorhanden, meint Sergej Gurijew, Rektor der New Economic School in Moskau: „Aber wir brauchen Technologie und Know-how aus dem Westen.“
Gurijew ärgert sich darüber, dass die Staatsführung das Verhältnis mit dem Westen leichtfertig aufs Spiel setzt und so das Regierungsziel, Russland bis 2020 unter die fünf größten Volkswirtschaften der Welt zu führen, gefährdet.
Ausländisches Kapital fließt ab
Eine wirkliche Konfrontation mit dem Westen würde sich laut Beobachtern unweigerlich auf die Wirtschaft auswirken. Einen Vorgeschmack lieferte die russische Börse. Die Eskalation mit Georgien hat ihr, die ohnehin seit drei Monaten angeschlagen ist, einen Tiefschlag versetzt.
Seit Kriegsbeginn fiel der Leitindex RTS um 13 Prozent. Vor allem ausländische Investoren haben verkauft. Nun hat auch der Rubel abgewertet. In der ersten Kriegswoche wurden die Hartwährungsreserven um 16,4 Mrd. Dollar verringert – der stärkste Abfluss seit zehn Jahren. Der reine Kapitalabfluss betrage seit Jahresbeginn zehn bis zwölf Mrd. Dollar, rechnet Jaroslav Lisovolik von der Deutschen Bank vor.
Die ausländischen Direktinvestitionen jedoch würden weniger auf kurzfristige Schwankungen reagieren und somit heuer, wie schon im Vorjahr, bei 50 Mrd. Dollar liegen.
In der Tat sehen ausländische Firmen die gegenwärtigen Ereignisse noch weitgehend gelassen. Laut dem österreichischen Handelsdelegierten in Moskau, Hans Kausl, ist von den österreichischen Firmen „niemand nervös“. Der dynamische russische Markt sei zu attraktiv, als dass man sich zum Schaden der europäischen und russischen Wirtschaft ängstlich von ihm abwenden würde.
AUF EINEN BLICK
■Von dem Ziel, bis 2020 zu den fünf größten Volkswirtschaften der Welt zu gehören, ist Russland noch weit entfernt. 46,3 Prozent aller Maschinen und Anlagen in der russischen Industrie sind marode. Mit dem Krieg in Georgien hat die Moskauer Regierung das Verhältnis mit dem Westen leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Seit Kriegsbeginn ist ausländisches Kapital in Milliardenhöhe abgeflossen. Dabei braucht das Land für den Umbau Technologie und Know-how aus dem Westen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2008)