CO2 unterirdisch zu speichern ist derzeit günstiger, als es durch Solarenergie zu vermeiden, zeigt Boston-Consulting-Studie.
wien. Maßnahmen gegen CO2-Ausstoß und Klimawandel kosten Unternehmen, Konsumenten und Staaten viel Geld. Geld, das laut Mathias Krahl, Energieexperte beim Unternehmensberater Boston Consulting, sinnvoller investiert werden sollte. „Eine Tonne CO2 mittels Solarenergie zu vermeiden kostet 700 Euro. Eine Tonne CO2 abzuscheiden und unter der Erde zu speichern kostet 60 Euro. Letzteres ist die einzige Möglichkeit, die ökologisch und ökonomisch Sinn macht“, sagt Krahl.
Alternative Energiequellen wie Wind oder Solar werden irgendwann fossile Energieträger ersetzen, ist sich Krahl sicher. Dies werde aber noch bis zur zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts dauern. Bis dahin werden Übergangslösungen benötigt– vor allem die Abscheidung und Speicherung von CO2(Carbon Capture and Storage, CCS). Dabei wird das Kohlendioxid eingefangen und in leere Öl- oder Gasfelder oder andere unterirdische Speicher gepumpt.
Sinn macht CCS vor allem dort, wo sehr große Mengen an CO2produziert werden, also bei kalorischen Kraftwerken und großen Industrieanlagen. Solche Anlagen emittieren laut einer Studie von Boston Consulting (in eigenem Auftrag) 57 Prozent des globalen Kohlendioxid-Ausstoßes. Würde bei den 250 größten Emittenten CCS installiert werden, könnten 15 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen beseitigt werden. Für 2030 rechnen die Experten damit, dass bei Anwendung von CCS bei 1000 Kraftwerken und Anlagen mehr als ein Drittel der CO2-Emissionen gespeichert werden könnten.
Hohe Investitionen nötig
Um das zu erreichen, sind massive Investitionen in die Infrastruktur notwendig. „Die Technik ist relativ trivial. So wird etwa durch das Einpumpen von Kohlendioxid schon seit langem Öl aus Ölfeldern herausgepresst“, sagt Krahl. Bis 2030 müssten laut Studie 500 Mrd. Euro in Infrastruktur und Verbesserung der Technik gesteckt werden. Dann würde der Preis pro gespeicherter Tonne CO2 auf 30 Euro fallen. „Da wir davon ausgehen, dass bis dahin auch die Kosten der CO2-Zertifikate von 22 Euro auf über 30 Euro ansteigen, wäre CCS kostendeckend“, sagt Krahl.
Entscheidend wäre die baldige Anwendung von CCS angesichts der zu erwartenden „Wiederkehr“ der Kohle. „40 Prozent der europäischen Kraftwerke müssen bis 2020 erneuert werden. Hier wird Kohle eine signifikante Rolle spielen. Hinzu kommt, dass in Indien und China laufend neue Kohlekraftwerke gebaut werden. Bis 2050 werden 50 Prozent der globalen Stromproduktion aus Kohle kommen.“ Wichtig wäre, dass diese Staaten auch auf CCS setzen, so Krahl. „China steigert den CO2-Ausstoß jedes Jahr um das Volumen von Deutschland. Und alle zehn Jahre um das von ganz Europa.“
Laut Studie werden zuerst große CCS-Anlagen entstehen, die in der Folge immer enger über ein Netzwerk aus CO2-Pipelines verbunden werden. So können auch die Kohlendioxid-Emissionen von kleineren und nachgerüsteten Anlagen unter die Erde gebracht werden. Potenzial gibt es genug. „Allein die alten Ölfelder würden für rund 300 Jahre reichen. Nimmt man die Gasfelder dazu, könnten wir 2700 Jahre lang sämtliche Emissionen aus der Energieproduktion im Boden speichern“, sagt Krahl.
Auf einen Blick
■Alternative Energiequellen wie Wind und Solar werden frühestens in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts fossile Energieträger ersetzen. Bis dahin braucht man Übergangslösungen, um CO2 zu vermeiden.
■Eine Studie von Boston Consulting sieht eine Lösung im Abscheiden und Speichern von CO2unter der Erde. Vor allem bei kalorischen Kraftwerken und großen Industrieanlagen mache das Sinn.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2008)