Wagner selbst ist Wagnis genug!

Bayreuth hat zwei Chefinnen, beide Urenkelinnen Richard Wagners, die nur eine Aufgabe haben: Urgroßvaters Erbe zu pflegen.

Die Überraschung war keine. Dass die jüngste Wagner-Urenkelin, Katharina, gerade 30, haushohe Favoritin im Kampf um die Führungsposition bei den Bayreuther Festspielen war, galt als offenes Geheimnis. Zuletzt wurde der künftigen Herrin über Bayreuth nahe gelegt, sich doch im Verein mit ihrer Halbschwester Eva (63) zu bewerben, damit der Familienkrieg im Hause Wagner nicht allzu heftig ausfallen möge. Nun ist die Entscheidung gefallen, der scheidende Festspielchef Wolfgang Wagner (88) hat beide Töchter zu Erbinnen gemacht. Angesichts der durchaus progressiven Regie-Schiene, die Bayreuth auch unter Mitwirkung von Katharina zuletzt fuhr, müssen sich nicht einmal die fortschrittlichsten deutschen Kommentatoren Sorgen um die „Modernität“ des Festivals machen. Und die nötige musikalische Grundierung auf höchster Qualitätsstufe scheint mit der Zusage des begehrtesten Wagner-Dirigenten unserer Tage, Christian Thielemann, die beiden Damen unterstützen zu wollen, gegeben. Vom Tisch sind damit alle Spekulationen, Bayreuth könnte sich einer anderen als der „reinen Wagnerlehre“ öffnen und auch zum Ort von Uraufführungen und Avantgarde-Experimenten werden. Kein Festival der Welt hat einen so klaren Auftrag wie dieses, von Wagner selbst 1876 gegründete. Es ist ausschließlich der Pflege seines eigenen Œuvres gewidmet. Zehnfach überbucht ist man in Bayreuth – ein Traditionsbruch hätte keinen Sinn gehabt.
(Bericht: Seite 33)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2008)

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