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„Bist deppert?“ – Wie ein Schulbuch für Wirbel sorgt

(c) APA (DPA)
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Kritik an einem vom Stadtschulrat empfohlenen Buch. Unter anderem wird eine Figur immer wieder wegen ihres Übergewichts gehänselt, sogar von einem Lehrer.

Wien. „Na du kleiner Vollkoffer, bist du noch immer nicht blad genug?“ „Bist deppert?“ „Affensupergeilomatisch“. Ist das eine angemessene Sprache für Volksschulkinder?

Der Wiener Stadtschulrat findet offenbar: Ja. Die Zitate stammen aus einem Buch namens „Tscho. Total vernetzt!“, das Stadtschulrats-Präsidentin Susanne Brandsteidl den Volksschul-Direktoren für die 3. und 4. Klassen in einem Schreiben empfiehlt und das diese kostenlos bestellen können.

Mit der Geschichte, in der ein Bub im Netz Erfahrungen mit Chats und Porno-Seiten macht, soll Kindern spielerisch der vorsichtige Umgang mit dem Internet vermittelt werden. An sich eine gute Idee, sagen Pädagogen und die Wiener VP. Und üben doch deutliche Kritik.

Vor allem an der verwendeten Sprache. Ausdrücke wie „Blunzenstrickerin“ seien „aus dem Sackbauer-Epos“ und würden von Kindern wohl nicht verstanden. Wörter wie „Vollkoffer“ seien „natürlich nicht okay“, kritisiert die Kommunikationspädagogin Renate Csellich-Ruso. Zwar würden Kinder diese Begriffe verwenden. „Aber man müsste auch darauf hinweisen, dass diese Ausdrücke unangemessen sind.“ Was nicht der Fall sei.

Weiters wird etwa eine der Figuren, Wastl, immer wieder wegen seines Übergewichts gehänselt, sogar von einem Lehrer („Schieß los, mein runder Freund“). Die Idee, ein Kinderbuch über die Gefahren des Internets zu schreiben „ist wunderbar“, so die Kommunkationspädagogin. „Die Art und Weise aber ist zu hinterfragen.“

Drastischer formuliert es die Bildungssprecherin der Wiener ÖVP, Katharina Cortolezis-Schlager. „Der Stadtschulrat hat versagt“, sagt sie. „Das sind keine Formulierungen, die sich in einem Buch, das der Stadtschulrat empfiehlt, finden sollten.“ „Tscho“ sei außerdem voller Klischees. „Die Buben sind stark, die Mädchen nur schwache Randfiguren.“ Das widerspreche auch dem Gender-Mainstreaming. Kinder mit Migrationshintergrund etwa spielen keine Rolle. Hinzu kommen grammatikalisch falsche Sätze wie „Weil ich nicht das Opfer von Babsi ihrer Rache werden wollte“.

Mehrere Direktoren hätten sich bei ihr beschwert, sagt Cortolezis-Schlager. Wovon man beim Stadtschulrat nichts weiß. Und darauf verweist, dass „Tscho“ vom Stadtschulrat weder in Auftrag gegeben noch finanziert wurde. „Wir haben das Angebot schlicht an die Schulen weitergeleitet“. Nachsatz: „Die müssen das ja nicht verwenden“.

 

„Bisher nur positives Feedback“

Tatsächlich stammt die Idee von Microsoft (das auch den Druck finanzierte) und den Wiener Kinderfreunden, die „Tscho“ auch in ihren rund 70 Horten verteilt haben. Microsoft, sagt Sprecher Thomas Lutz, „habe bisher nur positives Feedback“ bekommen.

Cortolezis-Schlager fordert den Stadtschulrat auf, das Buch zurückzuziehen. Davon freilich ist keine Rede. Nach der ersten Auflage im Juni (30.000 Stück) hat Microsoft zum Schulanfang weitere 8000 Stück bestellt. Beim SP-nahen Echo-Verlag. Auch das stößt der ÖVP auf – Microsoft allerdings verweist darauf, dass der Verlag einfach der günstigste gewesen sei.

Auch wenn der Stadtschulrat das Buch nicht finanziert hat, wirft ihm Cortolezis-Schlager „Verantwortungslosigkeit“ vor. „Es kann nicht sein, dass man zweifelhafte Bücher an den Stadtschulrat schickt und der die einfach weiter empfiehlt“. Der Verdacht liege nahe, dass man das Buch nicht gelesen habe. Oder nachsichtig gewesen sei, „weil es von den Kinderfreunden und einem SP-nahen Verlag kommt“. Wegen dieser „zweifelhaften Verflechtungen“ will die VP eine Anfrage im Gemeinderat einbringen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2008)