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Wie im Mittelalter: Gesellen auf Wanderschaft durch Österreich

(c) APA (DPA)
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Der mittelalterliche Brauch der „Walz“ lebt in Europa weiter. Österreichische Wandergesellen sind aber eher die Ausnahme.

Boris Millard hat es hinter sich. Knapp sechs Jahre hat der österreichische Zimmermann auf der Walz verbracht, hat auf der Suche nach Arbeit und Abenteuer die halbe Welt bereist. Ohne Geld, ohne Handy, mit der traditionellen schwarzen Kluft bekleidet und nur mit dem ausgerüstet, was in das Bündel – den „Charli“ – passt. Mittlerweile hat der Niederösterreicher die „Tippelei“ beendet und ist nach Österreich zurückgekehrt.

Am 30. August 2000 war Millard unter großer medialer Aufmerksamkeit im Gasthaus „Der letzte Klabautermann“ in Wien Neubau verabschiedet worden, sogar die damaligen Vize-Bürgermeister Bernhard Görg und Grete Laska waren damals anwesend. Immerhin war er der erste Österreicher seit Jahrzehnten, der seine Reise in Wien begann.

Überhaupt ist Millard eine österreichische Ausnahmeerscheinung, der mittelalterliche Brauch der „Walz“ wird hier nämlich kaum noch gelebt. Nur eine Handvoll der 700 derzeit aktiven Wandergesellen (und einiger weniger Gesellinnen) kommt aus Österreich. Der Großteil (60 Prozent) der wandernden Zimmerer, Tischler, Maurer oder Steinmetze stammt aus Deutschland.

„In Österreich gibt es viel weniger Traditionsbewusstsein“, begründet das der Deutsche Kai Twieling, der in Wien gemeldet ist. In Deutschland gebe es noch mehr Berufsstolz, sagt er. Zimmerer-Lehrlinge würden dort etwa anstelle von Blaumännern die traditionelle Hose und das Gilet tragen – und Wandergesellen daher auch weniger oft schief angeschaut als in Österreich.

Dreieinhalb Jahre lang war Twieling auf der Walz, hat wie Millard streng nach den mittelalterlichen Regeln gelebt: er reiste ohne Geld, blieb höchstens drei Monate an einem Ort und näherte sich seinem Heimatort nicht mehr als 50 Kilometer (Bannmeile).

Im Mittelalter musste man nach der Freisprechung (Gesellenprüfung) verpflichtend auf die Walz gehen, um sich weiterzubilden. Danach konnte man die Meisterprüfung machen. Das ist heute ebenso Geschichte wie die strenge – auch politische – Abgrenzung der Vereinigungen der Wandergesellen, genannt Schächte, untereinander. Die gipfelte bisweilen sogar in Massenschlägereien.

Vieles ist jedoch bis heute geblieben wie im Mittelalter: etwa das Frauenverbot bei den vier großen Schächten. Und die lebenslange Verbundenheit der Wandergesellen: Stirbt einer, kommen Brüder von überall her, um Abschied zu nehmen.

 

Schlafen unter freiem Himmel

Geblieben ist auch das Abenteuerliche an der Walz: Wo man die Nacht verbringen wird, ist morgens noch ungewiss, schildert Twieling. Manchmal werde den Wandergesellen ein Schlafplatz angeboten, am Sofa oder unterm Küchentisch. Und wenn sich nichts findet, gibt es immer noch den Park. Nicht weiter schlimm, findet er: „Ich schlafe unterm freien Himmel und sehe die Sonne, wenn ich aufwache.“

Das klingt romantischer als es tatsächlich ist. Twieling wurde bestohlen und angegriffen. Auch sonst haben es Wandergesellen nicht immer einfach. „Das passiert schon öfter, dass der Chef auf einmal nicht zahlen will“, schildert er.

„Ich bin gereist, bis ich kein Geld mehr in der Tasche hatte“, erzählt er – per Autostopp, in Zügen – als vom Schaffner geduldeter „blinder Passagier“ – oder auf einem Containerschiff. „Es gibt so viele Möglichkeiten, günstig zu reisen, man braucht nur Zeit und Geduld.“ Auf diese Weise ist Twieling bis nach Namibia gekommen.

Millards weiteste Tippelei führte ihn nach Spanien, Neuseeland, Australien, Malaysia und Ägypten. Dabei hat er beruflich viel gelernt: auf sozialen Baustellen, beim Bau von Öko-Dörfern oder der Renovierung von Fachwerkbauten. Also in Bereichen, in denen er ohne Walz vermutlich nie gearbeitet hätte.

Auch wenn Millard die Tippelei beendet hat, so richtig einheimisch wurde er in Österreich noch nicht. Zunächst zog es ihn vor allem auf Baustellen nach Deutschland. Die Möglichkeit, eine Meisterprüfung zu machen, hatte keine allzu hohe Priorität. Stattdessen will er sich „neu orientieren“, sich an der Abendschule weiterbilden. Adieu, Mittelalter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2008)