Genetik. Das Hormon Vasopressin prägt die männliche Bindungsfähigkeit – auch von Menschen: Eine DNA-Sequenz korreliert mit der Häufigkeit von Ehe und Ehekrisen.
Wie hält es ein Wühlmaus-Männchen mit der Treue? Das kommt darauf an. Vor allem darauf, was für eine Art von Wühlmaus es ist. Die Präriewühlmaus, Microtus ochrogaster, ist ein Musterbeispiel für Monogamie: Kaum sind die Tiere geschlechtsreif, tun sie sich paarweise zusammen, in einer „Hochzeit“, die einen ganzen Tag dauert, und bleiben einander dann treu, bis der Tod sie scheidet. Die Männchen pflegen den Nachwuchs und verteidigen ihn aggressiv.
Ganz anders die Bergwühlmaus, M. montanus, und die Wiesenwühlmaus, M. pennsylvanicus: Bei diesen Arten verhalten sich die Männchen deutlich promiskuitiver.
Was ist schuld an diesem Unterschied? Vasopressin. Für dieses Hormon gibt es im Hirn Rezeptoren. Präriewühlmäuse werfen während ihrer Hochzeit viele davon an. Das hilft ihnen u. a. dabei, sich ihre Weibchen zu merken.
Wo liegt der Unterschied? In den Genen. Genauer: nicht in einem Gen selbst, sondern in dessen Umgebung, in einem stark repetitiven Abschnitt, wie ihn viele Genetiker noch vor fünf Jahren als völlig irrelevant gesehen hätten. Heute weiß man: Solche „Junk-DNA“ kann die Aktivität eines Gens bestimmen.
Hier eben des Gens für den Vasopressin-Rezeptor. Bei der treuen Wühlmaus-Art sitzt in dessen Nähe eine Sequenz aus 428 Basen, die den untreuen Arten fehlt. Transformiert man diese Sequenz von Wühlmäusen der Art M. pennsylvanicus in Wühlmäuse der Art M. montanus, dann werden diese treuer.
Man muss nicht sonderlich „gengläubig“ sein, nur neugierig, um zu fragen: Gibt es solche Einflüsse auch bei Menschen? Forscher um Hasse Walum (Karolinska-Institut, Stockholm) taten das und untersuchten die Umgebung des Gens für den Vasopressin-Rezeptor (AVPR21A) bei Menschen. Sie fanden zwar kein Pendant zur 428-Basen-Sequenz der Präriewühlmäuse, aber drei Polymorphismen, also DNA-Passagen, in denen sich verschiedene Menschen unterscheiden. Dann suchten sie in einem Sample von über tausend schwedischen Männern nach einem Zusammenhang zwischen diesen DNA-Variationen und dem Eheglück ihrer Träger.
Variante „334“: häufiger Ehekrisen
Bei einem der drei Polymorphismen wurden sie fündig: Männer mit einer Variante („334“) sind seltener verheiratet als andere. Und wenn sie es sind, dann weniger glücklich. 34 Prozent, die die Variante „334“ auf beiden Chromosomen haben, berichten über eine Ehekrise in jüngster Zeit; bei Männern, die diese Variante auf keinem ihrer beiden Chromosomen haben, sind es nur 15 Prozent. Sogar auf die Partnerinnen ist ein Einfluss festzustellen: Die Frauen von Männern mit Variante „334“ sind mit ihrer Ehe signifikant seltener zufrieden.
Der Einfluss ist „relativ klein“, schreiben die Forscher in Pnas (2. 9.): Es wäre nicht sinnvoll, einen Mann einer DNA-Analyse zu unterziehen, um vorherzusagen, wie treu er sein wird. Da spielen sicher auch andere Gene mit, Erziehung und Kultur sowieso.
Vorsichtig gesagt also: Die neuronalen Netzwerke, die mit Paarbindung zu tun haben, werden bei Menschen wie bei Mäusen von der Aktivität des Vasopressin-Rezeptors beeinflusst. Die jedenfalls die Psyche prägt: Andere Arbeiten zeigten einen Zusammenhang mit der Neigung zu Altruismus, aber auch in der anderen Richtung: zu Autismus.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2008)