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Christian Thielemann über Oper, Festspiele und Lotto-Spielen

(c) AP (Ingo Wagner)
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Der künftige führende Dirigent der Bayreuther Festspiele über die Wahl der Wagner-Urenkelinnen, seine Wagner-Projekte und Zukunftspläne für Baden Baden, München und – Wien.

"Ich bin sehr froh über die Entscheidung“, kommentiert Christian Thielemann im Gespräch mit der „Presse“ die Wahl der Halbschwestern Katharina und Eva Wagner zu neuen Leitern der Bayreuther Festspiele. Thielemann war im Konzept der beiden Damen als führender Dirigent vorgesehen und soll bei den Entscheidungen für die künstlerische Zukunft der Wagner-Festspiele mitreden. Der Kontakt mit beiden Wagner-Urenkelinnen funktioniere „fantastisch“, ergänzt Thielemann und hat auch gleich Charakterisierungen für Eva (63) und Katharina (39) parat; „die eine ist erfahrener und ruhiger, die andere jung und auftrumpfend“. Wie er sich zwischendrin behaupten würde? „Wir haben uns ja bereits ziemlich ausgiebig darüber verständigt, was man machen wird. Aber natürlich ist alles noch lange nicht bis zum Ende durchdacht, denn es müssen jetzt einmal die Verträge ausgehandelt werden.“

Fest stehe jedenfalls, so Thielemann, „dass ich eine Funktion haben werde, die über die eines bloßen Gastdirigenten hinausgehen wird. Wie diese Funktion heißen soll, das wird man sehen. Es geht jetzt auch um die Feinabstimmung zwischen Eva und Katharina.“ Wobei Christian Thielemann diesbezüglich aus den Vorgesprächen herausgehört hat, „dass Katharina mehr für die Außenwirkung zuständig sein soll, während Eva vielleicht die Besetzung macht. Entschieden wird aber selbstverständlich gemeinsam. Wie das funktionieren soll, müssen die Vertragsverhandlungen nun klären.“

 

2011 Salzburg, im Übrigen: Bayreuth

Der Dirigent kann auch bestätigen, dass die Vorarbeiten für die kommenden Festspielsommer in Bayreuth bereits sehr weit gediehen sind. Er selbst werde nach Ablauf der aktuellen „Ring“-Produktion ein Jahr nicht in Bayreuth auftreten. „Da kommt in Salzburg die ,Frau ohne Schatten‘ von Richard Strauss mit den Wiener Philharmonikern. Das haben wir fixiert, und da freue ich mich auch schon sehr darauf. Und zwischen den zwei Festivals hin und her zu fahren, das halte ich für unprofessionell. Ich weiß, dass das manche schon gemacht haben. Aber ich könnte das nicht.“

2012 wird Thielemann aber zurück auf dem „Grünen Hügel“ sein, um eine Neuinszenierung des „Fliegenden Holländers“ musikalisch zu betreuen. „Auch der Rest ist ja bekannt“, ergänzt er, „2010 wird Andris Nelsons ,Lohengrin‘ dirigieren, 2011 kommt ein neuer ,Tannhäuser‘ unter Thomas Hengelbrock. Der neue ,Ring‘, der 2013 herauskommen wird, ist bislang allerdings noch nicht besetzt, man konnte und wollte der Entscheidung des Stiftungsrates ja nicht vorgreifen. Hätte der anders gewählt, wären die neuen Festspielleiter vor vollendeten Tatsachen gestanden.“ Sicher scheint mit der Wahl vom vergangenen Montag hingegen, dass Thielemann selbst 2015 einen neuen „Tristan“ einstudieren wird.

 

Der „Ring des Nibelungen“ auf CD

Womit die Premieren für sieben Jahre feststehen und bestätigt wäre, dass es ausnahmsweise tatsächlich zwei „Ring“-freie Jahre geben wird. Nur, dass er selbst auch den nächsten „Ring“ betreuen könnte, schließt Thielemann aus: „Das kommt nicht in Frage. Wir haben ja eben vier Durchläufe für einen Live-Mitschnitt aufgezeichnet. Die Aufführungen waren fabelhaft – und ich freue mich, dass sie nicht als Video auf den Markt kommen, sondern als CD. Damit man wieder lernt zuzuhören! Außerdem mache ich mit meinen Münchner Philharmonikern einen neuen Ring in Baden Baden und versuche da über eine längere Strecke noch mal einen anderen Weg. Ich hätte auch Angst, mich nach fünf Jahren abzunutzen. Da muss dann ein anderer ran.“

Überdies ist er ein Dirigent, der mit seinen Kräften sparsam und kontrolliert umgeht. „Ich bewundere Kollegen wie Welser-Möst, der ein Orchester in den USA und die Wiener Staatsoper gleichzeitig führen kann. Hut ab. Ich könnte das nicht.“ Thielemann genügen die Verpflichtungen mit den Münchnern und die Auftritte in Bayreuth, dazu regelmäßig Konzerte mit den Berliner und Wiener Philharmonikern, mit denen er demnächst einen Beethoven-Zyklus erarbeiten wird. Das scheint ihm kräfteraubend genug: „Ich muss ja die Sachen auch lernen und wieder angucken, neu durchdenken. Und ich lerne nicht, indem ich mir die Noten unters Kopfkissen lege...“

 

Sicher Zeit für Oper in Wien

Ob angesichts der kommenden Herausforderungen noch Zeit für die Wiener Staatsoper bleiben wird? „Davon können Sie ausgehen. Ich bin ja gern an der Staatsoper. Ich habe mich mit Dominique Meyer getroffen, und wir haben schöne Ideen für eine Neuproduktion gesucht.“ Zunächst heißt es für den künftigen Bayreuth-Mitregenten aber, Besetzungen zu suchen. „Das ist ja nicht so einfach, sich zu überlegen, wer 2015 eine gute Isolde sein könnte“, plaudert der Dirigent aus der Wagner-Schule. Es ist auch schwierig zu sagen, wer in vier Jahren ein hervorragender Holländer sein wird. Stimmen haben ja auch ein Verfallsdatum, eines, das man nicht kennt. Da singt einer jetzt glorios, und in zwei Jahren ist die Stimme weg! Das ist wie an der Staatsoper, ein bisschen Lotto-Spiel ist immer dabei.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2008)