Kulturpolitik: „Der eigentliche Motor ist die Kunst“

(c) Reuters (Leonhard Foeger)
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ÖVP-Chef Wilhelm Molterer unterstreicht bei einer Diskussion in Wien seine kulturellen Ambitionen.

In der Vorwoche hat Wilhelm Molterer mit der Meldung aufhorchen lassen, als Regierungschef würde er Kulturbelange wieder im Kanzleramt ansiedeln wollen. Am Montag bekräftigte der Vizekanzler indirekt diesen Wunsch durch eine Diskussion in der Reihe „Perspektive Österreich“. Im Foyer des Finanzministeriums debattierte er mit Salzburgs Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler, Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky und dem Galeristen Thaddaeus Ropac über „Kunst.Standort.Kultur“.

Tenor Molterers: Lob der Regionalisierung, der privaten Initiativen, Warnung vor einer engen Definition des Kulturbegriffes durch die Kulturpolitik. Die Politik müsse der Kunst dienen, im Zentrum und an der Peripherie. Gerade dort, an den Rändern, entstehe Vitalität und Kunst. Dann wagte der Vizekanzler eine Metapher: „Die Kulturpolitik muss bewegen, als Vehikel, der Motor aber ist immer die Kunst.“ Es gebe in der Kulturförderung eine geteilte Verantwortung von öffentlicher Hand und privater Initiative. „Daher wird auch die steuerliche Anerkennung von Kunstförderung ein Thema bleiben.“ Molterer tadelte in diesem Zusammenhang das von Justizministerin Maria Berger geschaffene Gesetz gegen Korruption, es behindere privates Engagement. Man müsse auch über Stiftungen und Abschreibungsmodelle für Mäzene nachdenken.

Rabl-Stadler wies auf die wirtschaftliche Bedeutung von Kultur hin: „Wir sind keine Bittsteller, sondern bringen Potenzial!“ Die Festspiele zahlten mehr Steuern, als sie an Subventionen bekämen. Dennoch beharrt die Präsidentin darauf, dass Kunst ihre Rechtfertigung nicht aus der Rentabilität beziehen solle. „Kulturpolitik soll Freiräume schaffen.“ Hart ging sie mit Österreichs Musikschulwesen ins Gericht. Es sei eine Schande, dass nicht jeder Schüler, der ein Instrument lernen wolle, die Möglichkeit dazu erhalte.

Regisseur Ruzowitzky meinte, dass die Österreicher faule Erben der Kultur seien. „Kreativindustrie aber ist das Erdöl des 21. Jahrhunderts.“ In Deutschland habe man mit 60 Millionen Euro Filmförderung in einem Jahr das Sechsfache an Wertschöpfung erzielt. Erfolgsbasis sei eine starke kreative Szene. „Österreich muss diese Industrie ernst nehmen. Wir sind hinten.“

Ropac verlangte im Gegensatz zu Molterer, dass die Politik die Kultur neu definiere. Allein dadurch könne man viel bewegen. „Kunst ist elitär. Dazu muss die Politik auch stehen.“ Auch er sprach sich für die steuerliche Absetzbarkeit von Kulturförderung aus.

Der Abend vor zirka 100 Zuhörern – Museumsdirektoren, Galeristen, Künstlern – endete also in Harmonie. Negative Reaktionen der Konkurrenz ließen aber nicht auf sich warten. In einer Aussendung schrieb Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, dass Molterer nicht übersehen solle, dass „gerade urbane Zentren wie Wien der eigentliche und großflächige Humus für kreatives Schaffen“ seien. Ex-Volksopernchef Rudolf Berger, der neue Kultursprecher des Liberalen Forums, schrieb, dass geografisch geplante Kunstförderung nichts bringe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2008)

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