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Pop

"Sopop": Schnaubende Seekühe, wiehernde Einhörner

„Sopop“, ein Album von Wolfgang Mitterer und Birgit Minichmayr, lockt mit verborgenen Reizen.

Was ist denn Popmusik für hochdekorierte Avantgarde-Musiker, die sich mit ihren Musen gerne hoch über den gestrengen Geboten des Marktes räkeln? Für Wolfgang Mitterer, den 50-jährigen Tiroler Komponisten und Elektroakustiker, definiert Pop, dass die Stücke autoradiokompatibel sind. Bloß, der Mann dürfte keinen Führerschein besitzen. „Sopop“, sein erster Versuch im vermeintlich leichteren Fach, verfügt über reichlich Lenkradverreiß-Potenzial. Wie Birgit Minichmayr Gefahren, die von ihrem Sangesdebüt ausgehen, einschätzt, konnte bei der von ORF-Kulturlady Clarissa Stadler moderierten Präsentation im Szenelokal „Tanzcafé Jenseits“ nicht erfragt werden. Die Aktrice hatte eine Terminkollision. Sie musste den Narren im „König Lear“ geben.

Die siebzehn intensiven Soundscapes von „Sopop“ gemahnen an den Avantgarde-Pop einer Björk oder einer Sidsel Endresen. Komponist Mitterer sieht hingegen seine Einflüsse bei Michael Jackson und Prince. Erstaunlich. Minichmayrs Stimme erfreut mit aufgerauter Piepsigkeit und gezielter Attacke im Dschungel der Rhythmen. Dem im Pop sonst üblichen durchgehenden Beat widerstand Mitterer tapfer. Gegroovt wird hier nicht mit Hüfte und Bauch, sondern mit dem, was unter der Frisur wohnt.

Wolfgang Mitterer bleibt halt auch in Arbeiten, die das Genre Pop umarmen, stets Experimentator. Der Musiker mit der mönchischen Aura kreierte zunächst seine elektronischen Layouts. Danach lud er die Mimin ins Studio. In zwei Sessions sang sich diese den Schorf von der Seele. Mitterer zerschnipselte alles, mischte es gut durch und trug das Material dann an den gewünschten Stellen wieder auf. Nun öffnete er seine Studiotüren für bewährte Instrumentalisten wie Bassist Peter Herbert, Gitarrist Karl Ritter und Schlagzeuger Wolfgang Reisinger. Auch Opernsänger Georg Nigl, der mit „Wozzeck“ an der Mailänder Skala große Erfolge feierte, unterstützte das Projekt.

Die Schönheit dieses Unternehmens hat sich camoufliert. Wie so manche von Minichmayr auf der Bühne dargestellte Figur, verlangt diese Musik, dass ihr Rezipient von der Oberfläche zur Essenz dringt. Das ist eine edle Haltung in einer Zeit, in der die rasche Konsumierbarkeit von Kulturgut zum Gesetz zu werden droht. Die sich zunächst störrisch gebenden Songs entbergen bei fortgesetztem Hören ihren klandestinen Pop-Appeal. Da rauscht, federt, rumpelt und böllert es. Mal wähnt man sich inmitten schnaubender Seekühe, dann glaubt man, wiehernde Einhörner zu vernehmen.

Das Seufzen, Ächzen der Minichmayr weht erhaben durch die gleichermaßen von lockerer Extemporation und strengem Formwillen beherrschte Szene. Fazit: ein interessantes, atmosphärisch dichtes Gesangsdebüt der Minichmayr, das genauso weit vom Mainstream entfernt ist wie ihr Spiel auf den Bühnen. Ab Freitag (12.9.) ist Minichmayr als Karl Schönherrs „Weibsteufel“ im Akademietheater zu sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2008)