Das Linzer Festival diagnostiziert eine „New Cultural Economy“ – und findet endlich den idealen virtuellen Raum: am Pöstlingberg, unterirdisch.
Ich hätte gern einen Apfel, bitte.“ – „Nein, geht nicht, das ist nur ein Repräsentationsmedium.“ Dieses gescheiterte Verkaufsgespräch fand am Mittwoch auf dem Linzer Pfarrplatz statt, den die Ars Electronica, wie es hieß, in ein „Lager mobiler Informationsnomaden“ verwandelt hatte. Äpfel gab es dort zwar leibhaftig, aber nur symbolisch, dafür „Turkish Ice Cream“, gleich neben dem Wohnwagen des „Rebell.TV“. Und einen Spielplatz in der Mitte, auf dem Kinder zugleich real und virtuell schaukeln konnten, was gar nicht so leicht ist.
All das im Sinn einer „temporären Besitznahme des öffentlichen Ortes“. Die Ars Electronica illustriert mit dieser (friedlichen) Landnahme das Thema des „common ground“, der „Allmende“, des nicht privatisierten Raumes, auf dem jeder pflücken und weiden darf. „Wenn Eigentum an seine Grenzen stößt“ ist ein Untertitel des Programms: Klingt brisant in einer Ära der Privatisierung öffentlicher Institutionen, von der Post bis zum Spital. Das wäre Konfliktstoff. Doch ein zweiter Untertitel steht darüber: „The Limits of Intellectual Property“. Es geht also (nur) um geistiges Eigentum, und so paradox es scheint: Dieses wird – gegenläufig zu materiellen Gütern – unaufhaltsam zum „common ground“, zum Allgemeingut.
Wissen ist nicht Kapital!
„Das Zeitalter von Copyright und geistigem Eigentum ist abgelaufen“, lautet das Eingangsstatement der Ars Electronica, und damit ist sie weder provokant noch ihrer Zeit voraus. Dann liest man aber weiter: „Wenn Wissen und Content tatsächlich das neue Kapital der postindustriellen Gesellschaft sein sollen, dann muss es fließen, dann muss es zugänglich sein, für alle.“ Das klingt sympathisch, ist aber unlogisch: Denn Kapital zeichnet sich eben dadurch aus, dass es nicht für alle zugänglich ist. Wissen ist eher ein Rohstoff, und zwar offenbar einer, für den es keine „tragedy of the commons“ gibt; man pflückt, so viel man will, und es wird nicht weniger. Das ist schön, das funktioniert wie die freiwillige Feuerwehr, das bezeugt, dass der Mensch kein reiner „homo oecomomicus“ ist, und das regt im Grunde keinen mehr auf.
Auch nicht die Künstler: Die wenigen, die sich bei der Ars Electronica des Themas annehmen, wirken seltsam anachronistisch und naiv. Die „Bank of Common Knowledge“ aus Spanien etwa, die einen „Markt für den Austausch von Wissen“ aufbauen will, mit „autonomen Zellen“: wie ein Flashback in die Zeit vor Wikipedia, ja: vor dem Internet. Gar simpel ist auch das „mobile Ö1-Atelier“, wo man sich auf einen USB-Stick eine vorgegebene Auswahl von Files aus einem Fach (z.B. Chemie) laden kann. Alles gratis, nein so was. Die T-Shirts, die man sich vom „New Cultural Advertising Project“ kaufen kann, kosten dagegen natürlich schon etwas: 17 Euro, und sie sind knapp geschnitten. Bestehen halt nicht nur aus Bits.
Immer wieder Seventies-Revival
Noch gestriger ist die Installation „Godmode“: Besucher dürfen etwas zeichnen und auf einen Kopierer legen. Nach Ticken und Klingeln sieht man Stücke der Zeichnung auf die Decke projiziert. Beipacktext: „Ein vom Künstler programmierter Algorithmus erweckt das Geschöpf zum Leben.“ Das wäre schon bei der Ars Electronica 1993 (Thema: „Artificial Life“) peinlich gewesen, passte aber zur Stratosphären-Musik, die zeitweilig im Foyer des Brucknerhauses waberte: wie Tangerine Dream 1975.
Mystisches Wabern hüllt auch die Installation von Norimichi Hirakawa ein: ein Pseudoplanetarium, mit einem gleichmäßig mit „Sternen“ durchwirkten Fantasie-Universum. Definitiv jenseits der Grenze zum Esoterik-Kitsch ist „Wave“ des Russen Alexander Ponomarev: Der Atem des Künstlers löst eine plätschernde Wasserwelle aus, dann sieht man Bilder aus Tibet. Beide Arbeiten haben beim „Prix Ars Electronica“ eine Anerkennung erhalten, was zu denken gibt.
Der anhaltende Trend zur Gemütlichkeit im Cyberspace geht einher mit einer ebenso anhaltenden Renaissance von Sixties- und Seventies-Ästhetik: „Optical Tone“ von Mutoh Tsutomu ist digitalisierte Op-Art, die ganz offen Vasarely & Co. zitiert; die „Klangkapsel“ von Satoshi Morita (ebenfalls Japan) könnte von Verner Panton geformt sein; die orangefarbenen Kreise, die man in „Appeel“ von einer Fläche abziehen und auf eine andere picken kann, erinnert an die Pril-Blumen, die einst die Küchenwände zierten. Ein geniales Werkzeug ist der „Repleneshing Body“ von Ross Phillips (England), der Filmschleifen von einer Sekunde Dauer zu hellwachen Bildern montiert. Jeder ein Star!
Viel Beschauliches also bei „Cyber Arts“, wenig direkt Gesellschaftskritisches, kaum Sabotagekunst, nichts Grimmiges. Nur der Muezzin, den Johannes Gees als Protest gegen ein drohendes Minarett-Verbot in fünf christlichen Kirchen der Schweiz rufen ließ, gellt durchs Haus: Klingt deutlich enervierender als Kirchenglocken.
In Ljubljana wird noch geblutet
Die grobe alte Kabel-&-Körpersäfte-Schule ist heuer praktisch nur im Lentos-Museum zu erleben, wo die „Kapelica Gallery“ aus Ljubljana vorgestellt wird, meist nur in Dokumentationen. Die Selbstoperationen (Ive Tabor) oder die Verkostungen von bei Schönheitsoperationen abgesaugtem Fett (Zoran Todorovic) wirken aber auch so. Und der „Robot rabbit“ von Paul Granjon, ein zweisilbiges Häschen auf einem Zählerkasten, ist einfach herzig. Wenn er einmal ein Ausgedinge braucht: In die Grottenbahn im Linzer Pöstlingberg würde er passen, zur „sündigen Raupe“, zum „nächtlichen Besuch“, zum „toten Eichhörnchen“ und zu all den anderen seltsamen Bewohnern dieser märchenhaften Unterwelt.
Ebendort landete man bei „All Inclusive“, dem Eröffnungsevent der Ars Electronica auf dem Pöstlingberg. Die gut eineinhalb Stunden Anstellen waren schnell vergessen (wie eine läppische Labor-Techno-Aktion von N-Solab), als ein offenbar von allen guten und bösen Geistern besessener Herr namens Georgie Gold den Lindwurm-Zug durch die Grottenbahn begleitete. Schön. Schaurig. Sagenhaft. Endstation: die unterirdische Nachbildung des Linzer Hauptplatzes, die den Vergleich mit der oberirdischen, derzeit im Alten Rathaus ausgestellten 3-D-Animation nicht zu scheuen braucht. Cyber ohne Silizium. Aber mit Bambi.
Ars-Ausstellungen
■Im OK sind unter „Cyber Arts“ die Werke der meisten Preisträger des „Prix Ars Electronica“ zu sehen.
■Im Lentos ist die „Featured Art Scene“ mit der Kapelica-Galerie aus Ljubljana.
■Im Brucknerhaus sind einige Installationen, man kann sich dort auch ein T-Shirt besticken lassen. Alles nur bis 9.9.!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2008)