Warum der Schulanfang auch von Erwachsenen ohne Kinder als Einschnitt empfunden wird.
WIEN. Man könnte es das „Ewiges Schulkind-Syndrom“ nennen. Oder „endloses Schulanfangs-Trauma“. Jenes offiziell namenlose Phänomen, um das die meisten Menschen nicht herumkommen, selbst wenn sie seit langem der Schulbank entkommen sind und selbst keinen schulpflichtigen Nachwuchs haben: Der Schulanfang im September wird allgemein als großer Bruch empfunden. Zwischen Sommer, Ferien und dem, was früher einmal gerne „Ernst des Lebens“ genannt wurde.
So gesehen bleiben wir auf ewig Schulkinder. Freibäder, Open-Air-Kinos, sie alle haben – selbst wenn es die Temperaturen erlauben – mit Schulbeginn ausgedient. Auf Urlaub fahren im September, wenn alle anderen gerade zurückgekommen sind? Für viele undenkbar. Denn in den Köpfen der Menschen, sagt Freizeitforscher Zellmann, „ist der eigentliche Jahresbeginn nach den großen Ferien. Das Arbeitsjahr beginnt im September.“ Dass wir darauf dermaßen konditioniert sind, sei „ein Beweis dafür, dass wir Menschen Gewohnheitstiere sind“. Und es zeigt auch, „dass die Kindheit und Jugendzeit die prägendste Phase im Leben ist“. Der September als Schul- und Arbeitsbeginn „ist in unserer Sozialisation fest verankert“, so Zellmann. Was die Gefahr bringt, sagt Gesundheits- und Arbeitspsychologin Karin Balluch, „dass man das unreflektiert übernimmt“. Und dazu, so Balluch, oft auch die dazupassenden Launen, für die Begriffe wie „Herbst-“ oder „Novemberdepression“ erfunden wurden.
Übergang zum Vorweihnachts-Stress
Zunächst einmal ist es aber ein gemeinsam gefühlter Bruch: Wenn mit einem Schlag so ziemlich alle zurückkehren, zieht auch der Rest – jene ohne Schulkinder – automatisch mit, meint die Wiener Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer. Was sich – Überraschung! – auch im Stadtbild zeigt. Der sogar in Wien relativ ruhige August wird schlagartig vom hektischen September abgelöst. „Damit ändert sich auch die Stimmung in der Stadt“, sagt Ehmayer. „Crowding Syndrome“ nennt sich das, wenn der Stresspegel in der Stadt steigt, weil sich sehr viele Menschen auf sehr engem Raum wiederfinden. Was im September beginnt, steigert sich nach und nach zum Höhepunkt – dem kollektiven Vorweihnachts-Stress.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2008)