Urgeil: Bert Brecht in der Josefstadt

Eine Uraufführung kündigt keck das Theater in der Josefstadt an.

Am 11.September gibt es „Die Judith von Shimoda“ zu bestaunen. Mutig ist das, weil dieses Fragment eher eine Spielerei Bert Brechts unter Einbeziehung williger Groupies im finnischen Exil als ein Kunstwerk war, aber auch, weil das „jus primae noctis“ schon ein bisserl konsumiert ist.

Ein aufmerksamer Leser der „Presse“ schreibt, dass er die „Judith“ schon im Berliner Ensemble erlebt habe. Die Premiere gab es 1997 wirklich, ich kann das bezeugen. Neu können also nur vier Szenen sein, die Brecht oder Ruth Berlau oder Margarete Steffin nicht mehr aus einem englischen Text übersetzten. Hans Peter Neureuter hat den Rest mithilfe von Stellen aus dem Nachlass der Schriftstellerin Hella Wuolijoki in finnischer Sprache rekonstruiert.

Urig wird die Aufführung also auf jeden Fall sein: Das Original des Dramatikers Yamamoto über die Geisha Okichi (1930) wurde schlecht ins Englische übertragen, 1940 von finnisch-deutschen Einsprengseln flankiert, bei denen man nicht weiß, was tatsächlich von Brecht ist. An Verfremdungseffekten wird es nicht mangeln.

Suhrkamp nennt auf dem Cover des 2006 erschienenen Büchleins bloß Brecht als Autor, nicht aber das fleißige Frauenkollektiv. So war's halt beim Altmeister des epischen Theaters, dessen Arbeitsweise mir mit zunehmendem Alter immer suspekter wird. Seine Belehrungen nerven, selbst wenn er nun im TV-Sender „arte“ ab 7. September im Finale der zehn „besten Dramatiker aller Zeiten“ steht. Und ich fühle mich von ihm verfolgt. Eben aus dem Urlaub zurückgekommen, muss ich bekennen, dass sich ein tückischer Fehler in meine Kritik von Brechts „Die Maßnahme“ eingeschlichen hat (9.8.). Er habe viel Bestialisches geschrieben, soll ich behauptet haben. Ehrlich: Im Urtext aus Salzburg war von Genialischem im Frühwerk und der Lyrik die Rede. Ich vermute, es handelt sich um einen finnischen Übertragungsfehler.


norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2008)

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