Ihr Gehirn war größer als unseres – und nicht schneller ausgewachsen.
Das Gehirn, auf das wir so stolz sind, ist auch eine Belastung. Erstens ist sein Betrieb (auch im Stand-by-Modus) sehr energieaufwendig. Zweitens ist es mit schuld, dass Frauen unter Schmerzen gebären: Neugeborene haben 400 Kubikzentimeter Hirn, das ist an der Grenze, mehr erlaubt die Anatomie der Hüftknochen bei aufrechtem Gang nicht. Dann ist Wachstum angesagt: Erwachsene Menschen haben im Durchschnitt ein Hirnvolumen von 1350 cm3. Dieses große Hirnwachstum nach der Geburt ist typisch für Menschen.
Aber nicht nur für Homo sapiens: Unsere nächsten Verwandten, die vor ca. 25.000 Jahren ausgestorbenen Neandertaler, leisteten sich ein genauso langwieriges und teures Hirnwachstum wie wir. Das zeigen Anthropologen um Christoph Zollikofer (Uni Zürich) an einem aus der Mezmaiskaya-Höhle in der Krim geborgenen Skelett eines kurz nach der Geburt gestorbenen Neandertaler-Kindes. Sein Gehirn hatte ein Volumen von 400 cm3, wie das unserer Babys. Mit diesem Schädel und der Rekonstruktion eines weiblichen Neandertaler-Beckens simulierten die Anthropologen auch die Geburt eines Neandertalers: Sie war ähnlich schwierig wie unsere Geburten heute, inklusive der typischen Vierteldrehung im Geburtskanal. Das Limit war wohl schon beim letzten gemeinsamen Vorfahren von Neandertaler und Homo sapiens erreicht. „Das würde bedeuten“, sagt Zollighofer, „dass Menschen seit 500.000 Jahren einen hohen evolutionären Preis in Form von Geburtsproblemen für unser großes Gehirn zahlen.“
Schon länger ist bekannt, dass erwachsene Neandertaler ein etwas größeres Hirn (ca. 1750 cm3) hatten als wir. Das heißt, dass sie ein noch größeres Wachstum bewältigen mussten – durch schnellere Wachstumsraten in der gleichen Lebenszeit. Das spricht gegen die Vorstellung vom „Schnellentwickler“ Neandertaler. Offenbar war ihr Lebensplan von unserem gar nicht so verschieden, sie lebten eher langsamer, bekamen ihre Kinder später, wurden womöglich sogar älter als wir.
Als wir heute. Denn die Köpfe unserer Vorfahren, die zeitgleich mit den Neandertaler lebten, waren größer als unsere Köpfe. Auch innerhalb der Art Homo sapiens ist die Gehirngröße in den letzten 50.000 Jahren geschrumpft.
Wir: Kleiner, aber effizienter?
Wie passt das zu unserem Selbstbild? Entweder sind wir gar nicht klüger geworden: „Es fragt sich ja, ob der durchschnittliche Angestellte wirklich mehr Hirn braucht als ein Jäger und Sammler“, sagt Zollikofer provokant. Oder es hat eine Effizienzsteigerung in der Hirn-Architektur stattgefunden – hin zu kleineren (und energiesparenden), aber zumindest genauso leistungsfähigen Köpfen. Vielleicht hat genau dieser Schritt uns zu dem gemacht, was wir sind.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2008)