Russland: Staats-Milliarden suchen nach Aktien

(c) AP (Vladimir Rodionov)
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Nach dem Vorbild Norwegens will Russland die Milliarden aus seinem Staatsfonds vor allem in ausländische Aktien und Obligationen investieren.

Moskau. Lange hat sich das russische Finanzministerium den Kopf zerbrochen, wie es die Milliarden des russischen Staatsfonds verwalten und vermehren soll. Nun stehen die Kriterien fest. Geht es nach der Strategie des Fiskus, die noch von der Regierung im Oktober gebilligt werden muss, so wird das Geld aus dem so genannten „Nationalen Wohlfahrtsfonds“ der Verwaltung durch die Zentralbank entzogen und bis zu 50 Prozent in Aktien investiert. Weitere 30 Prozent sollen in Unternehmensobligationen ausländischer Emittenten angelegt werden, fünf Prozent in Direktinvestitionen, erklärte der Stellvertretende Finanzminister Dmitri Pankin. Der Großteil wird langfristig auf 10 bis 15 Jahre angelegt.

Um die Geldmassen aus dem Rohstoffexport für langfristige Maßnahmen aus dem aktuellen Umlauf zu ziehen, hat Russland vor einigen Jahren nach dem Vorbild Norwegens einen Fonds eingerichtet, der mit Jahresbeginn 2008 in einen Reservefonds und einen Wohlfahrtsfonds gesplittet worden ist. Allein in letzterem liegen 31,9 Mrd. Dollar (22,6 Mrd. Euro). Geht es nach der neuen Sparstrategie des Finanzministeriums, so soll der Reservefonds fortan nur noch sechs statt bisher zehn Prozent des BIP horten und stattdessen der Wohlfahrtsfonds aufgefettet werden. Mit Jahresende sollten dort 100 Mrd. Dollar liegen, im Jahr 2011 ganze 217 Mrd. Dollar.

Westen baut Abwehrriegel

Aus Angst, dass diese Gelder zu viel Einfluss auf strategisch wichtige Sektoren wie Rüstungsindustrie oder Energieversorgung nehmen, haben westliche Staaten zuletzt vermehrt Maßnahmen überlegt, Staatsfonds von der einheimischen Wirtschaft fern zu halten. Der Westen zweifelt an den Beteuerungen Russlands und anderer rohstoffintensiver Staaten, sie würden nur aus kommerziellen und nicht aus politischen Erwägungen investieren. Die deutsche Regierung hat daher soeben einen von der Wirtschaft kritisierten Gesetzesentwurf zur Beteiligung ausländischer Staatsfonds an deutschen Unternehmen gebilligt. Sobald ausländische Fonds 25 Prozent und mehr an solchen Unternehmen erwerben, kann das deutsche Wirtschaftsministerium innerhalb von drei Monaten prüfen, ob nationale Interessen davon berührt sind.

Um die Bedenken des Westens zu zerstreuen, hat eine von den Staatsfonds aus 26 Ländern eingesetzte Arbeitsgruppe gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) letzte Woche einen Entwurf für einen freiwilligen Verhaltenskodex entwickelt. Die großen Staatsfonds versprechen darin mehr Transparenz und eine Anlagepolitik ohne Versuche politischer Einflussnahme.

Laut neuer russischer Anlagestrategie für seinen Wohlfahrtsfonds will man sich nicht auf Investitionen in die traditionellen Märkte USA und Europäische Union beschränken, sondern auch Aktien und Obligationen in Osteuropa und den BRIC-Staaten ins Visier nehmen. Experten bewerten die neue Strategie daher als ziemlich mutig. „Der russische Fonds hört auf, ausschließlich eine Sparbüchse zu sein, und wird ein aktiver Investor“, schreibt die Wirtschaftszeitung „Vedomosti“: die Strategie nehme Anleihe bei vergleichbaren und vorbildlich verwalteten Fonds, etwa dem norwegischen Fonds „Global“. Dieser legt im Jahresschnitt bis zu 15 Prozent zu. Die neue russische Investitionsstrategie sei „sehr aggressiv“, meint Oleg Vjugin, Aufsichtsratsvorsitzender der russischen MDM-Bank.

Wie viel Geld bleibt in Moskau?

Eine wichtige Frage ließ das Ministerium freilich unbeantwortet: Wie viel nämlich zur Stützung des einheimischen Kapitalmarktes in russische Aktien fließen soll. Angesichts der katastrophalen Börsenentwicklung war der Ruf nach großen Investitionen im Inland zuletzt immer lauter geworden. Julija Zepljajewa, Analystin bei Merrill Lynch, erwartet eine beträchtliche Summe: „Wir werden uns noch wundern, wenn der Anteil bekannt wird.“ Investitionen aus dem Staatsfonds in einheimische Aktien sind keine ungewöhnliche Praxis in rohstoffintensiven Staaten – China macht davon gleichermaßen Gebrauch wie Norwegen. Sollte Russland diesem Beispiel folgen, befürchten Experten allerdings eine weitere Anheizung der ohnehin zweistelligen Inflation, selbst wenn der Bedarf zur Stützung des russischen Aktienmarktes mit relativ bescheidenen vier Mrd. Dollar beziffert wird.

Auf einen blick

Der Kreml hat entschieden, wie er seinen milliardenschweren Staatsfonds einsetzen will.

Der Großteil geht in die USA, Europa und die BRIC-Länder.

Westliche Staaten sind skeptisch und erlassen Gesetze gegen Übernahmen in strategisch wichtigen Industrien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2008)

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