Die Liste des Luxus: fünfmal Wirbellose, dreimal Eier, einmal Organ, einmal Stempelfäden.
Sage niemand, dass diese Kolumne wirkungslos sei. Kaum hat sie letztens das Problem der Entwertung des Lachses gnadenlos aufgegriffen, da fehlt er schon, der Lachs.
Nicht in den Kühlregalen natürlich, dort liegt er noch in allen Preiskategorien, Filet an Filet, nein: in der Liste der Lebensmittel, die nach Werner Faymanns Willen von einer Senkung der Mehrwertsteuer ausgenommen sein sollen. Man darf sie sich, wie die Gourmets, Gourmands und andere Gaumenlüstlinge wohl sagen, auf der Zunge zergehen lassen: Austern, Garnelen, gestopfte Leber, Hummer, Kaviar, Krabben, Safran, Schnecken, Straußen- und Wachteleier.
Das sind also die Gerichte, die die Nouveaux riches uns in Zukunft stolz bei ihren Gelagen servieren werden! (Man darf nur hoffen, dass sie für Bohemiens, Privileged Poors und Understatement-Artisten die eine oder andere Extrawurst braten. Oder eine klare Gemüsesuppe brauen.)
Was lesen wir aus dieser Liste? Zuerst fällt auf, dass nur ein einziges der genannten Lebensmittel pflanzlichen Ursprungs ist, was impliziert, dass Vegetarier sich schwertun, listengemäß zu schlemmen: Ihnen bleibt 1) von ihren fleischlichen Inhaltsstoffen abstrahierte Paella, 2) Kuchen, denn diesen macht, wie jedes Kind weiß, der Safran geel (was in heutigen Ohren wie ein maßvoll frivoles Hybrid aus „gelb“ und „geil“ klingt).
Fünf der frisch geadelten Produkte stammen von wirbellosen Tieren, drei davon (Garnelen, Hummer, Krabben) zählen zur Klasse der Gliederfüßer, zwei (Austern, Schnecken) zur Klasse der Weichtiere. Alles sehr weit entfernte Verwandte also, der letzte gemeinsame Vorfahre lebte vor vielleicht 500 Millionen Jahren, da gibt's keine Sentimentalitäten mehr, das wäre schon okay, aber...
Koscher sind diese Tiere jedenfalls nicht: „Alles aber, was nicht Flossen und Schuppen hat im Wasser“, ist ein Gräuel, heißt es im dritten Buch Mose (11,10), das gilt übrigens auch für Tintenfische et al. Auf dem Teller sehen all diese rückgratlosen Gesellen aus wie Aliens von Planeten, die in den intergalaktischen Urlaubsprospekten zu Recht fehlen; wer ohne Grausen und/oder wissenschaftliche Ambition eine Languste zerlegt, dem gehört ohnehin meine neidlose Bewunderung. Allein diese blicklosen Augen!
Drei weitere Posten auf der Liste fallen unter den Oberbegriff „Eierdiebstahl unter erschwerenden Umständen“; die „gestopfte Leber“ ist so appetitlich, wie sie klingt. Zirrhose!
Das Schlusswort zum Thema „kulinarischer Luxus“ gehört dem französischen Philosophen Obelix, der ihm offerierte Spezialpasteten („Sie kosten ein Vermögen: Nachtigallenzungen aus Nordgallien, Kaviar aus dem Inneren des Barbarenlandes sowie Krabbenzahnfleisch aus der Mongolei...“) einst mit einem knappen Urteil bedachte: „Salzig.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2008)