Venezuela - Russland: „Kalter Krieg“ in der Karibik

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Zwei atomtaugliche russische Langstrecken-Bomber kamen zum Freundschafts-Besuch, bald gibt es ein gemeinsames Marine-Manöver. Kurz vor der US-Wahl werden Erinnerungen an die Kuba-Krise wach.

Die Vorboten sind schon da: Am Mittwoch landeten zwei russische Langstreckenbomber auf dem venezolanischen Militärflughafen Libertadores. Die weißen Tupolew TU 160 vom Stützpunkt Engels an der Wolga sollen einige Tage in der Karibik bleiben und Trainingsflüge über internationalen Gewässern absolvieren, sagte ein Luftwaffensprecher in Moskau. Die beiden Bomber hätten allerdings keine Atomwaffen an Bord.

Der Besuch der Überschalljets, der beiläufig verlautbart wurde wie die Stippvisite eines Segelschulschiffs, ist der Auftakt eines militärischen Muskelspiels im Hinterhof der USA: Im November sollen auf Einladung des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez vier russische Kriegsschiffe gemeinsam mit Venezuelas Marine Manöver abhalten – 1000 km südlich von Florida. Flaggschiff soll der Schlachtkreuzer „Peter der Große“ sein, ein atomgetriebenes Schiff der Kirow-Klasse, die Ende der 1980er-Jahre entwickelt wurde, um US-Boote zu jagen.

Es geht um große Gesten. Für die Russen, die sich für den Besuch dreier US-Kriegsschiffe in Georgien während des jüngsten Kaukasus-Konflikts revanchieren, was offiziell freilich dementiert wird. „Diese Übungen sind in keiner Weise gegen irgendein drittes Land gerichtet“, sagte Andrej Nesterenko vom russischen Außenministerium.

„Saufkopf“, „Feigling“, „Esel“

Beobachter sehen das anders: Russland werde auf alle Provokationen reagieren, sagt der Politologe Vjatscheslaw Nikonow: Auch Militärbasen in Venezuela seien möglich, wiewohl derzeit keine Notwendigkeit bestehe. Sein Kollege Dmitri Orlow meint, Russlands Aktivität bedeute aber nicht, „dass Moskau künftig eine aggressive antiamerikanische Politik mache“.

Auch für den „Comandante“ aus Caracas, der seit Jahr und Tag das ihm so verhasste „Imperium“ USA provoziert, geht es um die Geste. „Saufkopf“, „Feigling“, „Esel“ oder einfach „Arschloch“ hat Chávez US-Präsident George W. Bush schon genannt und gedroht, den USA kein Öl mehr zu liefern. Zudem pflegt er eine Freundschaft mit Irans Präsident Mahmud Ahmadinejad und bekundete großes Interesse an Irans Atomprogramm.

Washington zog es bisher vor, den seltsamen Vogel aus den Tropen weitgehend unkommentiert krakeelen zu lassen, schließlich wissen beide Seiten, dass sie aufeinander angewiesen sind: Die USA brauchen Venezuelas Öl, und Caracas braucht die US-Raffinerien, die als Einzige das besonders schwere venezolanische Öl aufbereiten können. Entsprechend unterkühlt war die Reaktion des US-Außenamts auf den Karibik-Trip der russischen Marine: „Offensichtlich haben die Russen ein paar Schiffe aufgetrieben, die so weite Strecken schaffen“, spottete Sprecher Sean McCormack.

Ganz so cool sind die Amerikaner wohl trotzdem nicht. Seit Anfang Juli haben sie die 1953 eingestellte Vierte Flotte reaktiviert. Der Verband soll offiziell Drogenhandel und Terrorangriffe unterbinden sowie humanitäre Einsätze in der Karibik und Lateinamerika durchführen. Aber natürlich hat die Vierte Flotte auch einen indirekten Geburtshelfer: Hugo Chávez.

Waffen für vier Milliarden Dollar

Der ehemalige Oberstleutnant hat, begünstigt durch den steten Anstieg der Rohölpreise, Unmengen neuer Waffen gekauft, vor allem in Russland: 53 Hubschrauber, 24 Abfangjäger, 100.000 Kalaschnikows samt der Lizenz, jährlich 25.000 in Venezuela zu bauen. Solche Schusswaffen mit Munition fanden kolumbianische Militärs bei getöteten und verhafteten FARC-Rebellen.

Seit 2004 hat Chávez allein in Russland mehr als vier Milliarden Dollar ausgegeben. Und dabei dürfte es kaum bleiben, denn Venezuela verhandelt derzeit über den Kauf von fünf russischen U-Booten und Luftabwehrraketen.

AUF EINEN BLICK. RUSSLAND UND VENEZUELA

Russland ist der wichtigste Rüstungslieferant für Venezuela. Auf der Einkaufsliste von Präsident Hugo Chávez standen in den vergangenen Jahren unter anderem 53 Hubschrauber, zwei Dutzend Abfangjäger und 100.000 Kalaschnikow-Gewehre.

■Ein großes Marine-Manöver soll im November die militärische Kooperation der beiden Länder vertiefen. Dazu werden vier russische Kriegsschiffe, angeführt vom Schlachtkreuzer „Peter der Große“, auf Einladung von Chávez mit Venezuelas Marine trainieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2008)

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