André Heller: „Eine Art von katholischer Waffen-SS“

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André Heller reflektiert seine Kindheit: über grausame Jesuiten, die Enttäuschungen seines Vaters und die Tristesse der Fünfzigerjahre. Über das Verzeihen, die Gnade der Fantasie und den Heiligen Hofmannsthal.

Die Presse: Der Protagonist in Ihrer Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ hat offensichtlich Ähnlichkeiten mit Ihnen. Man soll Autor und fiktive Figuren nicht verwechseln, aber in diesem stark autobiografischen Fall ist schon zu fragen: Wie weit sind Sie das Kind Paul Silberstein?

André Heller: Der Ton gibt, glaube ich, sehr präzise die Stimmungen meiner Kindheit 1958 wieder. Manche Figuren sind solchen aus meinem Leben nicht unähnlich. Etwa der Vater. Aber die bizarrsten Geschichten über ihn habe ich weggelassen, sie wären zu unglaubwürdig, zum Beispiel die wuchtvollsten seiner Anti-Nazi-Aktionen nach dem Krieg. Ich finde es aber gut, den Leser rätseln zu lassen, was Wahrheit oder Erfindung ist in Bezug auf die Mutter oder die groteske Emigrantenverwandtschaft. Der feinsinnige Rettungsanker meiner Kindheit war allerdings meine Großmutter, die im Buch gar nicht vorkommt. Ich kann auch zugeben, dass ich jenen Onkel, der sich 1938 in der bittersten Not treu bleibt und zum verfolgten Judentum bekennt, erfunden habe. Seine Haltung entspricht einem Wunschdenken meinerseits.


Der Katholizismus, dem Paul Silberstein als Schüler ausgeliefert ist, wird als bedrohlich dargestellt. Ist das auch heute noch Ihre Sicht?

Heller: Ich habe das als Kind so empfunden. In der Retrospektive kam mir vor, ich sei im Jesuiteninternat bei einer Art von katholischer Waffen-SS in Ausbildung gewesen. Schulkollegen von mir haben das viel positiver erlebt. Aber für mich bedeutete das Konvikt vollkommene grausame Nicht-Geborgenheit. In der Schule besaß ich eine Kastanie mit Stacheln, immer wenn es mir extrem schlecht ging, habe ich sie in der Hand so fest gedrückt, dass ich blutete.

Das passt schon zum Opus Dei.

Heller: Absolut. Dieser Schmerz war meine tiefste Wahrheit, die ungeschönte Wirklichkeit. Man durfte zum Beispiel im Internat keine sentimentalen Gegenstände im Schlafsaal haben. Kein Stofftier, nicht einmal ein Foto der Mutter. Da habe ich einen Bindfaden aus dem Nähzeug der Großmutter an einem Holzsplitter vom Nachtkästchen befestigt und bin mit dem Faden in der Hand eingeschlafen. Das gab mir eine Verbindung zu ihrer Zärtlichkeit. Sehr früh wurde ich auf die Probe gestellt, ob ich mich füge oder nicht. Mein Wesen war so angelegt, dass ich mich einfach nicht arrangieren konnte. Das war eine Gnade.

Wie ist die Vergangenheit beim Schreiben zu Ihnen gekommen? Proust hatte seine Madeleines, um die verlorene Zeit zu suchen.

Heller: Diese Erinnerungen waren immer in einer Stellage meines Wesens. Langsam etwas schimmelnd und verrottend. Ich wusste seit Jahren, dass ich den Platz für anderes brauche, für höhere Energien. Es hätte sonst angefangen, mich zu vergiften. Ich bin der Ansicht, dass man die Schuldzuweisungen durch Verzeihen auflösen soll. Man kann nicht ununterbrochen die Ausrede hätscheln, andere seien für die eigenen Verstörungen verantwortlich. Das hat mich vor 20 Jahren auf die Idee gebracht, zu versuchen, mich ohne Vater und Mutter noch einmal selbst in die Welt zu bringen und ganz für mich die Verantwortung zu übernehmen. Ein unglaubliches Arbeitsprojekt, bitter und mühselig, aber schlussendlich aufs Schönste beflügelnd.

Üblicherweise bewältigen Schriftsteller in jungen Jahren die Beziehung zum Vater. Ihr Vater starb vor 50 Jahren – eine lange Inkubationszeit. Haben Sie inzwischen ein milderes Verhältnis zu dieser wichtigen Bezugsperson?

Heller: Alle, die mich haben Spießruten laufen lassen, sehe ich heute als interessante Lehrer, die mir zumindest unverrückbare Maßstäbe für das vermittelt haben, was ich nicht sein darf und will. Mittlerweile weiß ich, wie viel enttäuschte Sehnsucht und betrogene Begabung auch in meinem Vater war. Er wollte etwas Gelungenes aus sich machen, aber die mörderischen Zeiten, das neureiche Umfeld, sein hybrides Ego sind ihm dazwischengekommen, und als Reaktion hat er sich verhärtet. In einer Passage im Buch träumt Paul davon, dass ihm der furchterregende Vater sympathisch ist, und er hofft, dass niemand als Zeuge in diesen Traum hineinschauen konnte.

Was bedeutet das?

Heller: Das deutet schon an, dass tief in mir die Anlage, ihn zu lieben, vorhanden war. Man muss verstehen: In seiner Generation ging es ums Überleben. Viele Juden haben nach dem Krieg eine Überlebensschuld empfunden – wieso konnte gerade ich gerettet werden und vielleicht Wunderbarere sind als Rauch zum Himmel über Auschwitz gestiegen? Ähnlich wie übrigens am anderen Ende des Spektrums Traudl Junge, Hitlers Sekretärin, die sich bis zum Tod sehr aggressiv nicht verzeihen konnte, dass sie als dumpfe Mitbewohnerin des Epizentrums der negativsten Energien überlebt hatte und jemand mit der Moral und der Weisheit Sophie Scholls nicht. Als ich den Film über Junge drehte, dachte ich oft, was würde jetzt mein Vater sagen, dass ich mit der Frau diskutiere, der Hitler sein Testament diktiert hat. Mein Vater wollte sich auf der Flucht vor den Nazis umbringen, aber dann war er in Paris bei einer Wahrsagerin. Die hat ihm gesagt, er werde überleben und noch einen Sohn bekommen. Und dieser Sohn sitzt dann fünfzig Jahre später mit der engsten Büromitarbeiterin von Hitler zusammen, und sie legt ausgerechnet ihm ihre Lebensbeichte ab! Schon seltsam! Ich bin heute ganz ausgesöhnt mit meinem Vater.


Wurden Sie durch Ihre vielen anderen Projekte, durch die Shows, den Zirkus, vom Schreiben abgehalten? Und wie schreiben Sie?

Heller: Meine unterschiedlichen Interessen haben mich in viele Expeditionen und Herausforderungen geführt, wo es eigentlich selten machtvolle Konkurrenz gab. Ich habe auch begriffen, dass ich mich möglichst fröhlich gegen Feuilleton-Häme wappnen muss, weil ich mich ja auf die, für manche anrüchige, Populärkultur einlasse. Wenn es aber ums Schreiben geht, tritt man in einen heiligen Bezirk. Man braucht entweder eine unendliche Selbstverliebtheit oder Naivität, sein Werk in dieselbe Buchhandlung zu legen, die Bücher von Proust, Kafka, Borges oder Rimbaud offeriert. Mich hat die Qualität mancher Dichter so atemlos gemacht, dass ich das Veröffentlichen meiner Ergebnisse lange als Größenwahn sah. Aber eines Tages habe ich mir gesagt, in meiner Fantasie warten vielleicht ein paar besondere Geschichten, die anderen nie einfallen, etwas vom Inhalt her ganz Unverwechselbares. Mir war immer klar, dass ich formal ein altmodischer Erzähler bin. Meine Götter reichten immer von Joseph Roth bis Heimito von Doderer. Wahrscheinlich bin ich noch einer der ganz wenigen Berichterstatter aus dem großbürgerlichen Milieu, ein Restposten, denn die Naziverbrecher haben das ja fast völlig ausgelöscht. Es ist gut, dass ich spät mit dem Schreiben begonnen habe, dadurch fiel die jugendliche Larmoyanz weg, die manche meiner frühen Lieder belastet.

Die Erzählung spielt 1958. Was unterscheidet diese Zeit von heute?

Heller: In meiner Empfindung war damals das meiste grob und abweisend. Kinder hatten keine Rechte. Alles war von Sünde überschattet. Die Devise lautete: parieren! Man sollte möglichst angepasst und farblos werden. Glücklich sein war keine Kategorie. Ich kannte das Wort nur vom absurden Begriff Glücksannahmestelle der Lotterie. Ein Kind war ein elender, kleiner, herumgeschubster Ball. Neugier, Sexualität und Leidenschaft galten als Teufelswerk. Ich hab nicht anders können als zu fragen: warum? Die Antwort lautete immer: ,Weil ich es dir sag'! Ich wollte rasch selbstbestimmt erwachsen werden, und in der Wartezeit bin ich in eine Fantasiewelt geflüchtet, habe mir exotische Länder geschaffen, mit dadaistischen Sprachen. Meine Heiligen waren nicht die katholischen, sondern der Heilige Hugo von Hofmannsthal oder der Maler Rousseau. Ferdinand Raimund war mein Trost-Zentralgestirn mit seiner zweiten Dimension der Feen und Genien. Seine Stücke habe ich als Kind alle bewundert, noch heute kann ich vieles auswendig. Und die Großmutter hat mir oft den zauberischen Oscar Wilde vorgelesen.

Das Buch schließt mit dem Beginn der Pubertät. Wird es eine Fortsetzung geben?

Heller: Das muss ich mir sehr gut überlegen. Ich bin dankbar, dass diese Erzählung so positiv angenommen wird und will jetzt etwas Längeres wagen, vielleicht nicht in Ich-Form, sondern als Erzähler, das gibt einem doch andere Möglichkeiten.

Lesung und Gespräch

Der Autor präsentiert diesen Freitag um 19.30 Uhr im Radiokulturhaus des ORF im Großen Sendesaal die Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein.“ Die Lesung, auf die ein Gespräch mit Norbert Mayer folgt, ist bereits ausverkauft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2008)

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