Wo auch immer der Cirque du Soleil Halt macht, funktioniert er. Der Preis für den internationalen Erfolg: Es fehlt oft an Originalität. Ein Blick hinter die Kulissen.
Neben dem 33-jährigen, bildhübschen Luftakrobaten Andrew Atherton sitzt ein Mann, der ihm gleicht: sein Zwillingsbruder Kevin. In der Manege sind die beiden zu Pfauen geschminkt. Spektakulär. Dabei: „Die Show ist der Star“, sagt Bruder Nummer eins.
Die Metapher passt, der Cirque du Soleil, der Zirkus der Sonne, ist tatsächlich ein Star. Seine Artisten befeuern ihn im Kollektiv, perfekt aufgeputzt und diszipliniert trainiert. Die Heimat des Cirque ist das kanadische Montreal. Sein Zentrum aber hat sich nach Las Vegas verlagert, wo er pro Nacht in fixen Hightech-Arenen Shows für rund 10.000 Menschen gibt. Neben diesen permanenten Programmen – eine Elvis-Show steht für Herbst/Winter 2009 auf dem Plan – tourt der Zirkus durch die ganze Welt. Eigenen Angaben zufolge setzt er 450 Millionen Euro jährlich mit dem Kartenverkauf an die fast zehn Millionen Zuschauer um und ist so eines der größten Unterhaltungsunternehmen überhaupt.
Dennoch war es laut Gründer Guy Laliberté für den Fortbestand des Cirque notwendig, im August 20 Prozent des Unternehmens an Geldgeber aus Dubai zu verkaufen. Sie sind Teil einer Holding, die der Regierung des arabischen Emirats gehört. Durch diese Kooperation wird eine Dauerschau dort möglich: Dazu soll auf einer künstlichen Inselgruppe ein eigenes Theater mit 1800 Sitzplätzen gebaut werden.
Von Venedig bis zur Skihütte. Eines der mobilen Zelte des Cirque tourt derzeit mit der Show „Varekai“ durch Europa und wird seine Heringe am Wiener Rotundenplatz einschlagen. Betritt man es (das „Schaufenster“ tat das vorab in Amsterdam), gelangt man in einen Merchandising-Bereich, der den rechten Vorgeschmack gibt: Der Cirque nimmt überall Anleihen – vom chinesischen Zirkus über den venezianischen Karneval bis zur Skihüttengaudi. Ein kommerzielles Kunterbunt, das fröhlich machen soll – und kostet.
Beide ehemals Straßenkünstler, gründeten Laliberté und Daniel Gauthier den Cirque 1984 als alternatives Zirkusmodell. Heute wirken seine Strukturen nicht mehr so revolutionär: Artisten, als Tiere verkleidete Menschen, böse Clowns treten auf, die Episoden verknüpft mittels einer Liebesgeschichte. Die Clownnummern zerstören den ästhetischen Anspruch der Show: Wie im „Simpsons“-Comic „Itchy & Scratchy“ gibt es leider nur brutale und/oder sexistische Schmähs – etwa wenn Clown-Assistentin Mooky der Kopf weggesprengt wird.
Die eigentliche Geschichte dreht sich um einen Ikarus, der, einmal vom Himmel gefallen, wieder gehen lernt. In „Biene-Maja“-Perspektive werden Wald und Wiese, deren Halme oder Stämme von einem beeindruckenden Bühnenbild dargestellt. Das Team davor und dahinter spricht 18 Sprachen, Informationen zu den Artisten (oder bloß ihre Namen) sucht man auf der Homepage aber vergeblich.
Keine Interviews. Auch die Figuren sind zurückhaltend charakterisiert: Drei Kinder geben die „Wassermeteoren“ – auf der Bühne lässt sich nicht ausnehmen, ob Buben oder Mädchen. Ihr Grinsen ist hölzern. Außer dem Auf und Ab ihrer Bäuchlein ist nichts an ihnen natürlich. Interviews sollen sie keine geben, auftreten schon. Absolut begeisternd ist Dergin Tokmak – ausgerechnet jemand, dessen starker Charakter sich in seinem Äußeren widerspiegelt: Wegen einer Kinderlähmung hat er kaum Kontrolle über seine Beine, er tanzt mit Hilfe von Krücken unter seinen Achseln.
Der Cirque du Soleil kokettiert mit Alternativem, der Titel „Varekai“ etwa ist aus der Sprache der Roma und bedeutet „Wo auch immer“. So unbestimmt wie der Name ist das Programm: Wo auch immer der Cirque Halt macht – seine Collagen der Musik, der Sprache, der Erzählmuster funktionieren. Auch wenn das europäische Publikum anspruchsvoller sei als die Amerikaner und während der Vorstellung tuschle, erzählen Künstler.
Zirkus ist immer Eskapismus. Die Mittel, die der kanadische Cirque zu dessen Inszenierung braucht, werden allerdings in 71 Trucks angekarrt. Puristen mag solcher Aufwand missfallen. Doch das Entfliehen wird damit einfacher. Der Besucher kauft die Flügel für seine Fantasie gemeinsam mit der Eintrittskarte um rund 50 Euro. Ganz wie bei anderen Weltstars.
Cirque du Soleil: Varekai
18.9. bis 26.10., Rotundenplatz, Messe Wien