"Die Judith von Shimoda": Brechts besoffene Geschichte

(c) AP (Stephan Trierenberg)
  • Drucken

1940 hat Bert Brecht das Projekt „Die Judith von Shimoda“ fallengelassen. Zu seinem Nachteil wurde es ausgegraben und auch noch aufgeführt.

Warum, fragt sich der treue Liebhaber des epischen Theaters, ist das von Bert Brecht, zwei Assistentinnen und der finnischen Autorin Hella Wuolijoki konzipierte Stück „Die Judith von Shimoda“ seit seiner Entstehung vor 68 Jahren noch nie zur Gänze aufgeführt worden? Weil das Schreibkollektiv des Dramatikers, der sich Mitte 1940 mit Familie und Anhang auf der Flucht vor Hitler kurz im finnischen Exil befand, nicht damit fertig geworden ist, lautet eine praktische Antwort. Oder weil er das Interesse an der exotischen Spielerei verloren hat? Weil es Wichtigeres zu tun gab?

Wahrscheinlich blieb die „Judith“ liegen, weil diese Nachdichtung eines japanischen Dramas aus dem Jahre 1930 einfach zu flach ist. Das weiß man spätestens seit der Erst- und zum Teil auch Uraufführung am Donnerstag in der Wiener Josefstadt.

Das Fragment, das eine 2004 entdeckte angebliche Endfassung Wuolijokis ist, handelt von einer Geisha, die 1856 zum Opfer amerikanischer Kanonenbootpolitik und japanischer Doppelmoral wird, als ihr Land vergebens den Isolationismus gegen den Westen verteidigen will. Im schmucken Bühnenbild (anspielungsreich Amra Bergman), mit tosenden Meereswellen, einem Chesterfield-Klubsessel für Bonzen und schmalen Futons für die Einheimischen, tauchen als Schatten an den Seiten bedrohliche Kriegsschiffe auf. Auf die Karikatur einer politischen Analyse folgt familiäres Elend und der Niedergang einer Trinkerin.

Eine zarte Heldin, die auch kotzt

Brechts besoffene Geschichte; Szene für Szene wächst die Langeweile in diesem labilen Flickwerk. Man könnte die Schwächen vielleicht durch eine brachiale Zeitgeist-Inszenierung überdecken. Doch die nüchterne Regie Heribert Sasses, die das Lehrstück samt Verfremdungseffekt seltsam verbürgerlicht, deckt gnadenlos auf, wie randständig der geniale Neuerer Brecht in manchen Aspekten geworden ist und wie unnötig sein Epigonentum. „Das Land des Lächelns“ wirkt im Vergleich zur „Judith“ wie eine tiefsinnige Kritik der Globalisierung.

Man habe versucht, schreibt Dramaturg Helmut Schödel im Programmheft, „im Sinne eines Brecht von heute den Finger auf die Wunden zu legen, die uns hier und jetzt versehren“. Leider aber blieb der arme BB bei diesem Experiment nicht unversehrt. Da mag Mavie Hörbiger als zarte Heldin Okichi, die schließlich expressionistisch dem Komasaufen erliegt, alle Register von der Tändelei bis zum Erbrechen ziehen, da mag Peter Kern als böser Townsend Harris ein imposanter US-Generalkonsul in weißem Anzug sein, der wie ein Gebirge wirkt, an dem sich Antiimperialisten abarbeiten können – das rettet die Klassenehre nicht.

Zauber der Montur

Kern hat eine massige Präsenz, er muss nicht viel tun, um antiamerikanische Gefühle zu wecken, Hörbiger aber spielt in einer eigenen Liga im Vergleich zum sonst eher mäßigen Ensemble, das gezwungen wird, in Originalkostümen ganz naturalistisch Japaner oder Imperialisten zu sein. Ist dieser Verfremdungseffekt, der an frühe Hollywood-Filme erinnert, in denen Komparsen das Exotische symbolisieren, gewollt? Die Hauptdarstellerin nämlich widersetzt sich dieser Attitüde. Sie trippelt nicht in ihrem Kimono, sondern schreitet aus, sie erinnert in Mimik, Gestik und Sprachmelodie eher an die Traviata als an eine emanzipationswillige Geisha. Das setzt sie wohltuend ab vom befremdlichen Rest.

Zuweilen wird aber auch der Text unfreiwillig komisch. „Wir sind nicht verheiratet. Ich kann dich nicht zwingen“, sagt Okichis Verlobter Tsurumatsu (Erich Altenkopf), der die Geisha dazu überreden will, dass sie dem bösen Amerikaner zu Diensten sei. Sie opfert sich tatsächlich, um den Beschuss ihrer Hafenstadt zu verhindern. Der zitierte Satz jedenfalls sollte nicht von Brecht oder seinen Frauen stammen. Die schlüpfrige Metapher von der – für Japaner schauerlichen und verbotenen – Kuhmilch, die Okichi dem Amerikaner besorgt, und die sie für ihre Gesellschaft zur schändlichen Ausländerhure macht, ist ebenfalls zu billig, um ernst genommen zu werden.

Was also stammt wirklich von Brecht in dieser „Judith“? Die Rahmenhandlung, sagt man, die das Unternehmen leider noch spießiger macht; in zwei beleuchteten Logen vorne links und rechts kommentieren in Zwischenspielen ein japanischer Zeitungszar (Peter Moucka), ein englischer Orientalist (Friedrich Schwardtmann), eine amerikanische Journalistin (Elfriede Schüsseleder) und ein japanischer Dichter (Mario Hellinger) das zuvor Gebotene. Man hört Sentenzen wie: „Der Patriotismus ist kein Geschäft – für die Patrioten. Er ist ein Geschäft für die anderen Leute“ – und das sind schon die besten Passagen. Artig lesen die Zuschauer der Metaebene dabei zuweilen aus dem lila Suhrkamp-Text. Was für ein V-Effekt! Zusätzlich mimt Sasse auf der Bühne mit einem roten Büchlein in der Hand den Erzähler, der kurz zusammenfasst, was noch kommen wird. Am Ende, nachdem noch gnadenlos eine Ballade (Musik: Michael F. Kienzl) vom Stapel gelassen wurde, klappt er das Buch mit großer Geste zu.

Schamlose Übertreibung

Der treue Liebhaber des epischen Theaters fragt sich nun: Wurde der gute alte Brecht bei dieser Inszenierung auf den Arm genommen, indem man seine Programmatik schamlos übertrieb? Steht die gute alte Josefstadt vielleicht sogar im Sold finsterer Imperialisten, die den Dichter des „Baal“ und der „Dreigroschenoper“ mit von Germanisten manipulierten Texten in Verruf bringen wollen? Nach zweieinhalb Stunden Indoktrination bleibt man ratlos. Im Nachspiel heißt es: „Wie viel da nötig ist, bis eine Heldentat abgezahlt ist! Und ihr erzählt von der Heldentat immer nur die Hälfte!“ Selbst das wäre diesmal mehr als genug gewesen.

STÜCK UND SPIELTERMINE

„Die Judith von Shimoda“ ist ein weitgehend unentdecktes Stück, an dem Brecht 1940/41 mit der Finnin Hella Wuolijoki arbeitete, es basiert auf einem Drama des Japaners Yamamoto Yuzo. An der Josefstadt wird es unter Heribert Sasses Regie, u.a. mit Mavie Hörbiger und Peter Kern, aufgeführt.

September-Spieltermine: 16.,17.,19. um 19.30h; 20., 27. um 15h sowie 21. um 20h, im Theater in der Josefstadt (Karten: Tel.: 01/42-700-309; www.josefstadt.org).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2008)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.