Direktor Ioan Holender stellt seinen Vorgänger Claus Helmut Drese vor. Das ist pikant.
Bei den heutigen „Kunst-Werten“ im Radiokulturhaus liest Wiens ehemaliger Operndirektor, Claus Helmut Drese, aus seinem jüngsten Buch. Sein Nachfolger, der amtierende Opernchef, stellt ihn vor. Das ist pikant, denn auf Ioan Holender war Drese nach seinem Abgang so wenig gut zu sprechen wie auf Wiens Kritiker. Dreses kurze Staatsopern-Ära an der Seite Claudio Abbados endete, heißt es, mit einem Besuch des damaligen Sänger-Agenten Holender. Der ließ den Direktor etliche Verträge unterzeichnen, bevor anderntags bekannt wurde, dass der Agent die Fronten wechseln würde, zu Dreses Nachfolger designiert war, um als Generalsekretär des künftigen Direktors, Eberhard Waechter, in die Chefetage einzuziehen.
Abgesehen von der Optik dieser „Übergangsphase“ wird es spannend sein, welch lobende Worte Holender nun für Drese finden wird. Angetreten ist er Anfang der Neunzigerjahre als Retter in der Not. Denn das Duo Drese/Abbado hatte das Haus in eine durchaus prekäre Situation gebracht. So hieß es damals jedenfalls offiziell: Die Kosten waren explodiert, weil selbst kleinste Nebenrollen mit Gästen besetzt wurden, wenn es der Musikchef des Hauses verlangte. Im von Abbado geleiteten „Figaro“ wurde nicht einmal mehr die Barbarina von einem Ensemblemitglied gesungen. Die Star-Hörigkeit war ins Kraut geschossen. Von wienerischer Operntradition war keine Rede mehr. Aus dem Haus mit eigenständigem Profil war ein Durchzugsbetrieb für singende Globetrotter geworden.
Waechter und Holender begannen daher mit einer Spielzeit ohne Premiere. Das war absolut neu und sollte die Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit der Pflege des Repertoires lenken. Tatsächlich spielt die Wiener Oper heute jedoch nach wie vor „in kleinen Serien“, wie der von Drese erfundene Begriff für das von Lorin Maazel 1982 eingeführte, allseits verteufelte „Blocksystem“ hieß. Keiner von Maazels Nachfolgern hat an dem Prinzip je mehr gerüttelt. Doch ist das Repertoire der Staatsoper im internationalen Vergleich konkurrenzlos reichhaltig geblieben.
Ob die Rechnung mit den von Holender erfundenen „Residenz-Verträgen“ für Sänger, die das Ensemble als „ständige Gäste“ ergänzen sollten, aufgegangen ist, könnte ein Datenvergleich klären. Das Wort „Netrebkoismus“ wäre Claus Helmut Drese jedenfalls nie über die Lippen gekommen. Holender verwendete es jüngst, um eben jene Opernstar-Manie, die sein Vorgänger zum Lebensprinzip erhoben hatte, als eines jener Grundübel anzuprangern, die dem Opernbetrieb heute lebensbedrohlich geworden sind. Stoff für Diskussionen böte sich Oliver Lang, der heute im Radiokulturhaus moderieren muss, fürwahr genug. Vermutlich möchte Claus Helmut Drese aber vor allem aus seinem Buch rezitieren...
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2008)